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KAPITEL VII

 

DER SINN DES ER-LEBENS

 

1.   SELBST- UND WIRKLICHKEITSERLEBEN

 

 

WER BIN ICH,
WAS WILL ICH, WAS TUE ICH UND WARUM?

Wenn wir nicht gerade schlafen oder bewusstlos sind, strömen ständig Eindrücke und Informationen über die äußere Umwelt auf uns ein. Zahllose Objekte, Situationen und Ereignisse werden wahrgenommen. Allgegenwärtig ist auch unsere "Selbst-Repräsentation", das Bewusstsein um die Anwesenheit des eigenen Ichs innerhalb der erlebten Situationen. Ebenso präsent sind zahllose Inhalte und Facetten des inneren Erlebens und innerer Zustände: Empfindungen, Emotionen, Erinnerungen, intuitive Eindrücke und bewusste Assoziationen. Viele konkrete Inhalte sind gleichzeitig präsent, andere folgen im Strom der Zeit aufeinander. An manchen Eindrücken oder Wahrnehmungsinhalten heften wir unsere bewusste Aufmerksamkeit und setzen uns kognitiv damit auseinander. Andere nehmen wir nur un- oder vorbewusst wahr. Manchmal scheinen inneres Erleben und die Erfahrung der Außenwelt relativ unabhängig voneinander abzulaufen: Wir können angestrengt unseren nächsten Urlaub planen oder uns an eine Geburtstagsfeier erinnern, während wir durch einen Park gehen, in die U-Bahn einsteigen oder sonstige Wechsel der äußeren Situation erleben. Manchmal hingegen verändert eine die Außenwelt betreffende Wahrnehmung schlagartig unsere inneren Zustände und unsere Aufmerksamkeit wird abrupt auf andere Inhalte gelenkt. Zwischen manchen Wahrnehmungsinhalten scheinen einfachere oder komplexere Beziehungen und Abhängigkeiten zu bestehen, andere haben scheinbar überhaupt nichts miteinander zu tun. Dasselbe gilt für die mentalen Prozesse, innerhalb derer diese Inhalte repräsentiert werden.

 Wie gelangen wir überhaupt zu einem Selbst-Bezug und zu einem Bezug gegenüber Inhalten der Außenwelt? Wann nehmen wir was aus welchen Gründen mit welcher Intensität wahr? Warum gelangen wir zu ganz spezifischen Eindrücken und persönlichen Motiven? Was lenkt unser Interesse auf eine bestimmte Sache? Wann empfinden wir einen Wahrnehmungsinhalt für "selbst-verständlich" und wann hinterfragen wir seine Bedeutung oder seine potentielle Beziehung zu uns selbst oder zu anderen Dingen? Wann beenden wir die kognitive Auseinandersetzung mit etwas Bestimmten und richten unseren inneren Fokus wieder auf eine andere Angelegenheit?

 

SINNGEHALT DES SELBST- UND WIRKLICHKEITSERLEBENS

Wir empfinden es auf bewusster Ebene keinesfalls so: Aber unser geistiges Erleben ist in diskrete kurze Zeitintervalle zergliedert! Der unaufhörliche Strom an Eindrücken, Gefühlen, Gedanken, Wahrnehmungen etc. erscheint uns fließend.

Tatsächlich aber arbeitet das Hirn mit Standbildern die nur innerhalb unserer Wahrnehmung einen fließenden Film ergeben. Es gibt lauter kleine diskrete Szenen die durch einen Wechsel an "Grund-Perspektiven" generiert werden. Genauer gesagt überlagern sich diese Grund-Perspektiven bei wechselnder Funktionsstärke. D.h. eine von ihnen ist "maximal" oder zumindest stärker aktiviert wie die anderen. Diese Welle erhöhter bzw. dominanter Aktivität wechselt ständig durch. Diese kontinuierliche Perspektiven-Überlagerung bei gleichzeitigem Intensitätswechsel ist die Voraussetzung für den empfundenen Sinn-Gehalt aller Wahrnehmungen und die Integration des Selbst-Bildes in die erlebte Gesamt-Situation. Dazu aber gleich mehr.

 

ZWEI  ZENTRALE  BEGRIFFE:

WAHRNEHMUNG UND KOGNITION
 

Wahrnehmung bezeichnet die Aufnahme und Verarbeitung von Reizen aus der Umwelt oder dem eigenen Körper. Sie erfolgt primär über die Sinnesorgane.

Kognition bezeichnet die Verarbeitung von Informationen und die Generierung menschlicher Erkenntnisprozesse. Es handelt sich im engeren Sinn um Denkvorgänge, Assoziationsleistungen, Entscheidungen und Beurteilungen.

 

PERSPEKTIVEN DES GEISTES

Begriffsdefinition:

 "Perspektive" kann vieles Bedeuten: Im einfachsten Fall bezeichnet dieser Begriff das visuelle Sehfeld eines Individuums, das sich aus dessen räumlicher Position ergibt.

 

             

Abb.1 u. 2: Aus Perspektive 1 ist Objekt B nicht sichtbar, aus Perspektive 2 sind alle Objekte sichtbar.

Im abstrakteren Sinn bezeichnet die Perspektive z.B. eine bestimmte Geisteshaltung, die ein Individuum infolge bestimmter Motive oder bestimmter äußerer Umstände gegenüber einem Wahrnehmungsinhalt aufweist. Ein Naturschützer nimmt einen 700 Jahre alten Eichenbaum unter "anderen Gesichtspunkten" wahr als ein Möbelfabrikant.

Eine Perspektive kann aber auch den Zustand oder den Funktionsmodus eines kognitiven Systems bezeichnen.

 

PERSPEKTIVISCHES WAHRNEHMEN

 

WAHRNEHMUNG UND KOGNITION IN INTERAKTION

Wahrnehmung und Kognition sind keine grundverschiedenen Mechanismen! Sie bedingen sich vielmehr gegenseitig. Oft entscheidet die Intensität eines Prozesses oder der Grad des Bewusstseins über den jeweiligen Prozess darüber, ob er dem Bereich der Wahrnehmung oder jenem der Kognition zuzuordnen ist: Eine un- oder vorbewusste Kategorisierung (wenn ich etwa  eine Spinne spontan als solche erkenne und sie unbewusst aus der Ordnungskategorie "Insekt" in eine Unterebene verschiebe) ist eindeutig ein Wahrnehmungsprozess. Die genauere Analyse (etwa der Versuch, unter bewusstem Abruf gespeicherten Wissens die genaue Art zu benennen) entspricht eindeutig einer Kognitionsleistung.

 

KOGNITION IST BEWUSSTE UND FOKUSSIERTE WAHRNEHMUNG

Kognition ist im Grunde eine potenzierte Form der Wahrnehmung, die zielgerichtet ist und i.d.R. stark mit der augenblicklichen Intention des wahrnehmenden Subjektes in Verbindung steht. Wahrnehmung ist etwas unglaublich Universelles. Auch unsere Selbst-Repräsentation beruht auf Wahrnehmungsprozessen (auf Empfindungsebene). Ich kann Dinge wahrnehmen ohne sie (bewusst oder willentlich) kognitiv zu verarbeiten. Aber ich kann keine Kognitionsleistung bzw. prinzipiell keinen "Willensakt" vollbringen, ohne denselben nicht zwingender Weise auch in irgendeiner Form und in irgendeinem Umfang wahrzunehmen.

 

GEDANKENEXPERIMENT:

Ich erwache aus tiefer Bewusstlosigkeit und befinde mich in einem Raum. Ich habe keine Vorstellung darüber wo ich bin. Ich beginne also bewusst wahrzunehmen und zu denken: Der Raum hat Eisenwände. Das spricht gegen ein gewöhnliches Zimmer in einem Haus oder einem Hotel. Ich höre Motorengeräusche und spüre leichte Vibrationen. Ich befinde mich wohl in einem Fahrzeug. Der ganze Raum schwankt etwas. Das spricht für meine Anwesenheit auf einem Schiff, welches im Seegang schaukelt. Das Fenster ist verglast und kreisrund. Könnte wohl ein Bullauge sein. Die Schiff-Vermutung wird gestützt. Ich schaue aus dem Bullauge und sehe Raben am Himmel fliegen. Das Schiff muss sich wohl in Küstennähe befinden. Auf hoher See gibt es keine Raben. Ein paar Eisbrocken treiben im Wasser. Also kann sich das Schiff unmöglich in der Südsee aufhalten. Ich sehe dass sich die Wasserfläche etwa zehn Meter unter dem Bullauge befindet. Also befinde ich mich wohl auf einem relativ großen Schiff. Durch Kognitionsleistung kann ich also einige Rückschlüsse über die Situation gewinnen.

Nehmen wir nun an ich könnte meine räumliche Perspektive X-beliebig verändern: Ich verlasse also den Raum und gehe auf dem Schiff umher. Nun kann ich direkt erkennen ob es ein Frachter, ein Passagier- oder gar ein Kriegsschiff ist (ohne abstrakt darüber nachzudenken). Ich schwebe nun in die Luft und sehe das Schiff von oben. Je höher ich schwebe, umso deutlicher sehe ich das Schiff im Kontext zu seiner Umgebung. Ich erkenne Konturen von Küsten, Ländern, Kontinenten und weiß nun (unter der Voraussetzung, dass ich geographisches Wissen im Hirn gespeichert habe) ob sich das Schiff in der Adria, in der Ostsee, in der Karibik oder im Atlantischen Ozean befindet ("Priming").

Durch Wahrnehmung und Kognition generiere ich Informationen. Um wahrnehmen bzw. kognitive Leistungen vollbringen zu können, muss ich aber über eine Perspektive verfügen. Spezielle Wahrnehmungsprozesse befassen sich mit einer vordergründigen Aufgabenstellung (etwa den Inhalten einer aktuellen Erlebens-Situation oder einer Rechenaufgabe). Eine andere Art von Wahrnehmungsprozessen befassen sich mit der relativen Position des eigenen ICH`s in einer (physikalischen oder abstrakten) Umgebung bzw. Situation. Während ich momentan z.B. im Kopf auszurechnen versuche, wie viel 275 geteilt durch 3 ist, habe ich ein Bewusstsein (eine Perspektive) darüber, dass ich mich während dieser Aufgabenausführung in meinem Wohnzimmer befinde und habe ebenso eine Vorstellung oder zumindest eine Empfindung darüber, ob bzw. welchen Grund ich dafür habe, die Aufgabe überhaupt lösen zu wollen und ob es prinzipiell relevant sein könnte, die Aufgabe erfolgreich abzuschließen. Wir sprechen also von zwei parallel ablaufenden Ebenen der Wahrnehmung: Einer kognitiven und einer perspektivischen Wahrnehmung.

Die Effizienz von perspektivischen Wahrnehmungsprozessen ist umso höher, je "entfernter" sich meine Wahrnehmungsperspektive (im räumlichen oder abstrakten Sinne) zu einem Wahrnehmungsinhalt befindet.

Die Effizienz kognitiver Wahrnehmungsprozesse bzw. einer kognitiven Aktion hingegen ist umso höher, je näher sich meine Wahrnehmungsperspektive (im räumlichen oder abstrakten Sinne) zu einem Wahrnehmungsinhalt befindet.

 Ich will es an folgendem Beispiel verdeutlichen:

 Eine kognitive Aktion entspricht analog betrachtet einer aktiven Handlung (während Wahrnehmung von seiner grundsätzlichen Natur her eher etwas "passives" ist). Um aus dem verschlossenen Raum auszubrechen nützt es nichts, wenn sich meine (Beobachter)Perspektive 100 km über dem Schiff befindet und ich somit bestens darüber im Bilde bin, dass dieses im Adriatischen Meer unterwegs ist. Um eine wirksame Aktion vornehmen zu können, muss ich ganz punktuell präsent sein und unmittelbar Kraft ausüben (indem ich etwa mit einem Brecheisen die Tür aufheble).

 

Der Punkt ist also der:

Perspektivische Wahrnehmungsprozesse haben die Tendenz, das Wahrnehmungsfeld oder den Fokus möglichst weit auszudehnen und viele Informationen (und ggf. Wissen um Handlungsoptionen) zu sammeln.

 

Abb.3:
Expandierendes
Wahrnehmungsfeld

 

Kognitive (Wahrnehmungs)Prozesse hingegen haben die Tendenz, das Wahrnehmungsfeld zu verengen (zu fokussieren), möglichst viele Informationen selektiv auszuklammern und sich mit möglichst wenigen Inhalten auf Grundlage möglichst weniger Kriterien punktuell zu befassen (und ggf. die Entscheidung für eine Handlungsoption zu erzielen). 

Abb.4:Verengendes
Wahrnehmungsfeld

 

 

FUNKTIONALE GRENZEN DER WAHRNEHMUNGS-PERSPEKTIVE

Mit der "Distanz" zum Objekt - ob im direkten oder in einem abstrakten Sinn - erhöht sich, wie oben angesprochen, die Effizienz eines Wahrnehmungsprozesses (es wird eine höhere Informationsmenge generiert), weil dadurch der Kontext eines Objektes zu seiner Umwelt umso deutlicher hervortritt: Einen Radfahrer aus ein paar Kilometer Entfernung zu beobachten gibt mehr Aufschluss über dessen Fahrtrichtung, sein denkbares Ziel und die Geschwindigkeit. Natürlich gilt dies nur bis zu einem bestimmten Grad. Kommen wir noch einmal auf das  Schiff zurück. Infolge einer imaginären Vogel-Perspektive zu wissen, in welchem Meer es sich bewegt ist aufschlussreich und limitiert zunächst die theoretisch denkbaren Zielorte des Schiffes. Die perspektivische Distanz noch weiter zu erhöhen nützt nichts mehr! Die Information darüber, dass sich das Schiff auf dem Planeten Erde befindet ist für die konkrete Situation uninteressant. Zu wissen in welcher Position sich die Erde im Sonnensystem, das Sonnensystem innerhalb der Milchstraße und die Milchstraße innerhalb der anderen Galaxien befindet, bringt keine weiteren brauchbaren Erkenntnisse in Bezug auf die Situation.

Nicht alle Informationen konkretisieren sich analog zur Distanz zum Objekt! Will ich etwa den Namen des Schiffes erfahren oder das Gesicht des vorhin angesprochenen Radfahrers sehen, muss ich sogar die Distanz idealer Weise bis zu einem Minimum verringern. Das ist aber eine völlig andere Sache! Wenn mich der Namen des Schiffes oder das Gesicht des Radfahrers interessieren, dann habe ich ein persönliches Motiv oder es besteht ganz schlicht ein intentionaler Bezug zwischen Beobachter und beobachtetem Objekt. Zielgerichtete Wahrnehmungen infolge eines Motivs aber sind kognitiver Natur!

 

ICH MUSS WISSEN, UM WAS ES GEHT

Damit Wahrnehmungen einen Sinn ergeben und kognitive Bemühungen zielgerichtet sind, muss ich als Subjekt  jederzeit "wissen", "um was es überhaupt geht". Auf einem Schiff gefangen gehalten zu werden ist eine sehr konkrete Situation mit einer sehr konkreten Handlungsaufforderung für das Subjekt. Die meisten Situationen und Ereignisse die wir erleben sind eher "belanglos" und dennoch "wissen" wir bzw. haben stets zumindest ein "Gefühl" dafür, ob bzw. was wir überhaupt tun müssen, sollen oder zumindest wollen. Weder ein Bleistift auf dem Tisch, noch ein Bild an der Wand oder irgendwas anderes auf der Welt ergibt einen "Sinn", wenn meine persönliche Intentionalität gegenüber dem Objekt oder der vorherrschenden Situation nicht irgendwie reguliert ist! Allerdings "entscheidet" das bewusst agierende ICH in den wenigsten Fällen über eine Perspektivenwahl, über eine Erweiterung oder Verengung des Wahrnehmungs- Fokus! Es reagiert vielmehr auf vorausgegangene Ereignisse dieser Art, die das Hirn jenseits bewusster Willens- und Entscheidungsvorgänge vollzogen hat! "ICH" selber kann ja schließlich mangels Kapazität auch gar keine bewusste Intention zu zahllosen Einzelobjekten entwickeln, die zufällig in meinen Wahrnehmungswinkel gelangen! Vielmehr werden auf unbewusster Ebene aus unzähligen Einzelinformationen aufgrund zumeist minimaler logischer Prinzipien eine überschaubare Menge an "Paketen"  gebündelt (die meisten Personen, Autos, Häuser, etc. an denen wir tagsüber vorbeilaufen integrieren sich problemlos in die allgemeine "Hintergrundwahrnehmung")!

Das wirft zwei interessante Fragen auf:

1. Was will ich tun, wenn ich "nichts tun will" bzw. "um was geht es", wenn es auf bewusster Ebene "um nichts" geht"? Ohne ein intentionales "Thema" stürzen sich wahrnehmende und kognitive Prozesse "sinnlos" auf Inhalte und driften weit auseinander!

2. Was definiert den Sinn von Wahrnehmungen und/ oder Handlungen, die gerade erst entstehen bzw. sich aus einem Spektrum an vorhandenen Möglichkeiten heraus kristallisieren?


Diese Fragen beziehen sich nicht darauf, wie die Wertigkeit eines noch nicht eingetretenen aber bekannten künftigen Ereignisses (etwa ein geplanter Mallorca-Urlaub) gebildet wird! Dies geschähe eben auf Grundlage einer Hypothese. Es geht um die Frage, warum ich in einem bestimmten Augenblick z.B. überhaupt über einen Mallorca-Urlaub nachdenke. Genauso gut könnte mir im selben Augenblick in den Sinn kommen, ein Modellflugzeug kaufen zu wollen, im Wald spazieren zu gehen oder ich könnte "zufällig" darüber nachgrübeln, wann die französische Revolution gewesen ist.

Bei psychotischen Störungen kann der Betroffene unter der verwirrenden Empfindung leiden, nicht zu wissen, "um was es geht!" Sinnvolle Strukturierungen des Informationsflusses auf un- und vorbewusster Ebene bleiben aus! Die Grenze zwischen Hintergrund- und Vordergrundwahrnehmung verschwindet. Die verschiedenen Grade der Intentionalität zerfließen.

 

 

2. GRUND-PERSPEKTIVEN  DES  ERLEBENS

 

INFORMATION:
ALLGEMEINE UND ERWEITERTE BEGRIFFSDEFINITION

Im Allgemeinen versteht man unter einer Information etwas, dass ein Beobachter wahrnimmt. Der PC der vor mir auf dem Tisch steht, der Arbeitskollege der mir gegenübersitzt, das Wissen das in einer Stunde ein Bekannter anrufen will,... Dies alles entspricht einer Information im allgemeinen Sinne. Man differenziert also zwischen einem Subjekt, Informationen die das Subjekt wahrnimmt und kognitiven Prozessen, mittels derer das Subjekt Informationen verarbeitet.

Im erweiterten Sinn beinhaltet der Informationsbegriff aber sowohl die Zustände des Subjektes (Aufmerksamkeit, Interesse, Müdigkeit,..) als auch die Zustände des neuronalen Systems, innerhalb dem sowohl die Psyche des Subjekts (seine Selbst-Vorstellung) als auch dessen Wahrnehmungsinhalte und (Re)aktionen auf Wahrnehmungsinhalte generiert und repräsentiert werden. Ein Beispiel: Ein Tropfen Alkohol befindet sich in der Blutbahn. Er ist Teil der physikalischen Realität. Nun überwindet er die Blut-Hirn-Schranke und dringt in Nervenzellen ein. Er wird nun zu einer "Information" weil er den Zustand einzelner Neurone verändert, die darauf hin anders mit den Netzwerken interagieren, in die sie integriert sind  (ihre synaptische Verbindungsstärke könnte sich bspw. vorübergehend ändern).

Es geht beim erweiterten Informationsbegriff also nicht (nur) um den direkten Zustand des Beobachters, sondern um den indirekten Zustand des Beobachters infolge eines Gesamt-System-Zustandes (des Gehirns)!

Der innere Beobachter, das eigene Selbst ist zwar die zentrale Information innerhalb des Gehirns, nicht aber die zentrale Funktion! Der Beobachter ist eine Institution innerhalb der Gesamt-System-Prozesse! Die Existenz- und Identitätsvorstellung beruht auf Empfindungen, die aus Körperzuständen bzw. deren Schwankungen (Kontrastwahrnehmung!) generiert werden.

Nachfolgende Abbildung soll dies verdeutlichen:

Abb.5: Sinnesinformation und Körperempfindung

 

 Es existieren reale Objekte in der äußeren Wirklichkeit (grüne Objekte rechts im Bild). Der Körper des Beobachters ist ebenfalls ein reales Objekt, ebenso seine Sinnesorgane (Augen, Ohren, Nase, Tastsinn, Gleichgewichtsorgan im Mittelohr) über die sein Gehirn Informationen über die Außenwelt erhält. Diese Informationen über die Außenwelt werden auf neuronaler Ebene repräsentiert. Andere Informationen für das Hirn kommen aus dem Körper selbst. Es empfängt ständig Zustandsberichte von inneren Organen und Rezeptoren in allen möglichen Gelenken und Oberflächenregionen. Die Sinnesorgane haben eine Doppelfunktion: Sie sind Teil des Organismus und der körperbezogenen Selbst-Repräsentation (meine Hand ist ein Teil meiner Selbst-Repräsentation), zugleich sind sie Informationsquellen über die Außenwelt (mit meiner Hand kann ich die Oberflächeneigenschaften von Objekten erfühlen). Das eigene ICH (Selbst-Bild, Selbst-Vorstellung, Identitätsempfindung, etc.) ist - wie alle anderen neuronal repräsentierten Informationen - kein reales Objekt der materiellen Wirklichkeit! Es entspricht ebenfalls dem Ergebnis neuronaler Verarbeitung- Prozesse! Seine Repräsentation ist ungleich aufwändiger als jene aller denkbaren anderen Informationen! Der große Kreis auf dem Hals des Männleins im Bild soll das biologische neuronale System (Gehirn) darstellen. Es ist so real und materiell wie der Baum, das Haus und das Auto, die über seine Sinnesorgane wahrgenommen werden. Die beiden inneren Kreise stellen den unbewussten (blau) und bewussten Anteil (rot) der Ich-Repräsentation dar. Wäre ich ein Tier unterhalb der Stufe hoch komplexer Säuger oder Vögel, befände sich keine ICH- Repräsentation in meinem Hirn! Ich würde rein affektiv wahrnehmen und auf Umweltreize reagieren. Aus der "Sicht" des Gesamtsystems ist mein ICH eine Parallel-Wahrnehmung zu anderweitigen Repräsentationen. Mein "ICH" ist aus der "Sicht" des Gesamtsystems im Gegensatz zu "banalen" Objekt-Repräsentationen der äußeren Wirklichkeit sogar nur indirekt vorhanden (weil das "ICH" wie erwähnt durch weitaus komplexere Prozesse generiert werden muss). Die mentale Auseinandersetzung des ICH`s mit externen Wahrnehmungsinhalten wäre aus der "Sicht" des Gesamtsystems sogar noch um eine Ebene indirekter. Aber in den neuronalen Strukturen des Gesamtsystems unterhalb der kohärenten Ich-Repräsentation existiert keine "Sicht", keine bewusste "Perspektive". 

Das Gesamt-System hat also im Gegensatz zum ICH keine Perspektive, es generiert vielmehr die Perspektiven des ICH`s. Wenn ich nachfolgend postuliere, das gesamte Wirklichkeits- und Selbsterleben des Menschen würde aus nur 4 Grund-Perspektiven (bzw. deren Überlagerungs- und Kontrastzuständen) bestehen, dann meine ich nicht, dass das ICH lediglich 4 generelle Arten von Informationen wahrnehmen und verarbeiten kann! Ich spreche von Impulsen des Gesamtsystems ,welche in die verschiedenen Schichten des Bewusstseins und der ICH- Repräsentation vordringen und dort in kurzer aber regelmäßiger Abfolge 4 generelle Zustandsempfindungen oder Meta-Perspektiven erzeugen, innerhalb derer wiederum in der Tat alle erdenklichen Arten von Informationen und Zuständen von Informationen dargestellt werden können.

Das Gesamtsystem definiert "Vollständigkeit" (von Informationen jeglicher Art) nach zeitlichen Kriterien, das bewusste ICH hingegen nach inhaltlichen Kriterien. In Phasen, in denen das bewusste ICH keine starken vordergründigen Motive hat, wird mir als wahrnehmendes Individuum vom "Gesamtsystem" mitgeteilt, "um was es gerade geht", also auf was sich meine Aufmerksamkeit richten oder nicht richten soll, ob und welche Handlungsaufforderungen bestehen, etc.

 

Gedankenexperiment: Stellen wir uns folgendes vor: Wir fahren morgens in die Arbeit und öffnen gerade die Tür zu unserem Büro. Aber dahinter befindet sich diesmal nicht unser Schreibtisch, nicht unser PC, nicht die Akten in den Wandregalen, etc. Statt dessen werden wir völlig unerwartet mit einer vollkommen fremdartigen, "verrückten" Situation konfrontiert. Vor uns stehen ein grün angemaltes Nashorn, ein Gorilla und ein Indianer, der mit zwei Tomahawks jongliert.

Wie würden wir auf unbewusster und bewusster Ebene auf die Konfrontation mit einer derartig fremdartigen Situation reagieren?

Ich denke es gäbe mindestens 4 seriell ablaufende Reaktionsmuster:

1. Reflexive Resonanz

In diesem Stadium dominieren Überraschung und Erschrecken. Noch ehe wir erkennen was wirklich vor uns steht registrieren wir erst mal nur Eines: Hier ist etwas vollkommen anders (als gewöhnlich)! Jegliche un- und vorbewusste Erwartungshaltung  ist gnadenlos durchkreuzt (das Unterbewusstsein erstellt unablässig Prognosen über mögliche Inhalte der unmittelbar folgenden Erlebenssequenzen). Ein genereller Alarmzustand wird ausgelöst. Diese Phase währt nur geringste Sekundenbruchteile.

 

2. Affektive Resonanz

In diesem Stadium erkennen wir konkrete Inhalte. Wir erkennen den Indianer, das Nashorn und den Gorilla. Wir merken nicht nur, das wir vor einer völlig anderen Situation stehen, es bildet sich vielmehr ein Bewusstsein um den Grad der Abweichung zwischen der realen und der auf vorbewusster Ebene prognostizierten Situation.

 

3. Kognitive Resonanz

Nun haben wir eine eigene mentale Position gefunden, wir befinden uns jetzt mit der Kraft und den Fähigkeiten unseres kognitiven Apparates innerhalb der Situation. Wir generieren den Selbst-Bezug zu dieser Situation und merken, dass es hier etwas zu klären gibt. Die ersten konkreten Gedanken entstehen: Warum stehen der Indianer und diese Tiere in meinem Büro? Welche Ursachen könnten dahinter stecken?

 

4. Kognitive Reaktion

Aus den ersten Gedanken werden konkrete Entscheidungsprozesse. Nun beginnen wir systematisch Informationen zu generieren, die zur Aufklärung des Sachverhaltes führen könnten. Wir entwerfen Hypothesen über die möglichen Ursachen und vergleichen sie miteinander. Wir interagieren nun zu diesem Zweck auch ggf. mit der Umwelt. Wir bitten den Indianer, die Tomahawks mal kurz beiseite zu legen und erkundigen uns vorsichtig, ob die Tiere ev. bissig oder angriffslustig sind.

 

 

In unserem Alltag werden wir zum Glück nur selten mit völlig befremdlichen, sich außerhalb jeglicher Erfahrungswerte und jeglicher Erwartungshaltung befindlichen Situationen konfrontiert. Dennoch unterliegt unsere "banale" Alltags-Wahrnehmung ständig Zyklen, innerhalb derer sich die perspektivische Grund-Wahrnehmungsart ändert, so wie es in obigem Beispiel überspitzt dargestellt wurde.

Man darf sich das nicht so vorstellen, dass der Wechsel dieser Perspektiven bzw. die Abfolge von Zyklen dieser Perspektiven unsere Erlebensprozesse, unser Identitätsempfinden und unsere Wahrnehmungsinhalte wie in unterem linken Bild  "zerhacken" würden! Dann nämlich wäre auch gar kein sinnvolles, zusammenhängendes Wahrnehmen und Erleben möglich!

      

 

Abb.6 u. 7: Linkes Bild: Der Wechsel von Perspektiven  führt nicht zur "Trennung" von Wahrnehmungsinhalten. Diese können  "unbeschadet" in die folgende Perspektive übernommen werden bzw. auch innerhalb der Übergangsmomente ihren grundlegenden inhaltlichen Charakter beibehalten (rechtes Bild). Dennoch hat die relative zeitliche Position eines Wahrnehmungsinhaltes zum jeweiligen Aktivitätsmodus der Grundperspektiven sehr wohl Konsequenzen auf die Art des Wahrnehmens!

 

 

 

GRUND-WAHRNEHMUNGS-PERSPEKTIVEN:

Es gibt 4 zentrale Wahrnehmungsstufen auf Empfindungs-Ebene! Sie werden nicht als inhaltliche Informationen, sondern als Zustände bzw. als Kontraste zwischen Zuständen erlebt.

Würde man sie in semantische Informationen übersetzen, hätten diese allgegenwärtigen und sich überlappenden Grundperspektiven folgende Inhalte oder "Aussagen":

1. "Ich existiere"

2. "Ich befinde mich in einer bestimmten Situation"

3. "Ich habe eine Aufgabe innerhalb der Situation"

4. "Ich habe die Aufgabe bewältigt" (oder: "Ich habe verstanden" oder: "Ich habe integriert").

 

Ich wiederhole: Wir treten jetzt einen Schritt hinter den Beobachter, hinter die Selbst-Repräsentation bzw. das "ICH"! Diese Grund-Perspektiven sind keine Informationen über die der Beobachter direkt verfügt oder die er generiert! Sie befinden sich im Gesamt-System und definieren den Zustand oder die Intentionalität des Beobachters im Vorfeld seines bewussten Erlebens. Der Beobachter beruft sich in seinem Wahrnehmen, Denken und Handeln unbewusst auf diese System-Empfindungen und integriert seine Erfahrungen im Kontext zur zyklischen Abfolge dieser Grund-Informationen!

Die Präsenz dieser Grund-Wahrnehmungs-Perspektiven erfolgt innerhalb zweier Achsen:

1. Horizontale Achse. Damit ist die zeitliche Achse gemeint, also die abwechselnde Funktionsstärke bei grundsätzlich gleichzeitiger Aktivierung (und die damit einhergehende Kontrastwahrnehmung).

2. Vertikale Achse: Damit ist die Achse der Impuls-Entstehung in tiefsten Schichten des Gesamtsystems und deren Ausdehnung bis in die expliziten Funktionsschaltkreise des ICH`s gemeint: Die "Eruptionswellen" dringen (zeitversetzt) bis in die höheren Ebenen des bewussten Erlebens vor und knüpfen sich (zufällig) an Inhalte des bewussten Wahrnehmens und Erlebens.

 

ERSTE GRUND-PERSPEKTIVE: DAS EXISTENZ-GEFÜHL

Das Existenz-Gefühl resultiert primär aus Körperwahrnehmungen auf Empfindungsebene!

Viele interne Wahrnehmungssysteme befassen sich ausschließlich mit Körperwahrnehmungen, aus denen im Wesentlichen auch unsere Selbst-Wahrnehmung, unser Existenz- und Identitätsempfinden resultiert!

Da gibt es z.B. einen Regelschaltkreis, der den Blutzucker-Spiegel reguliert. Ein abfallender Blutzuckerspiegel lässt uns Hunger verspüren und wir werden uns darum bemühen, dem Körper Nahrung zuzuführen. Atmung, Herzschlag, Verdauung und Müdigkeit werden ebenfalls durch Hirn-Körper-Regelschaltkreise reguliert. Der neuronale Teil dieser Schaltkreise befindet sich im Stammhirn, dem verlängerten Rückenmark. Über diesen stammesgeschichtlich ältesten Teil des Hirns verfügen auch Reptilien. Dort erfüllt es dieselben Aufgaben. 

 Dieser Teil der Körperwahrnehmung, der dem Hirn Informationen über Organtätigkeiten bzw. Organfunktionszustände übermittelt, bezeichnet man am Rande bemerkt als Viszerozeption.

Körperwahrnehmungen beziehen sich natürlich nicht allein auf vegetative Zustände und werden mitnichten nur im Stammhirn verarbeitet.

Die sog. Propriozeption ist jener Teil der selbst- und körperbezogenen Wahrnehmungen, der dem Hirn (natürlich auch unserem ICH) Auskunft über Körperbewegungen und die Lage des Körpers im Raum vermittelt.

Zahllose  Propriozeptoren in sämtlichen Körpergelenken sorgen für eine starke Oberflächen- und Tiefensensibilität und vermitteln einem bestimmten Teil der Großhirnrinde (dem "Orientierungs-Assoziations-Areal" oder einfach OAA") wo der Körper endet, wo die Außenwelt beginnt und in welcher Winkelstellung sich unsere Gelenke und somit die Lage unserer Gliedmaßen befinden. Zudem hat die Oberfläche eines jeden Körperteils im Neuralnetz des sog. "sensorischen Kortex" der Großhirnrinde eine maßstabsverzerrte Entsprechung. Druck - und Temperatursensoren auf der Hautoberfläche (insbesondere auf Handflächen und Fußsohlen) geben im Zusammenspiel mit dem Gleichgewichtsorgan im Mittelohr präzise Auskunft über unseren Bodenkontakt oder unterstützen die Berechnung der optimale Griffstärke, um z.B. nach einer Tasse Tee zu greifen.

Der Wesentliche Aspekt der Existenzempfindung liegt in der Kontrast-Wahrnehmung! Ob ich einen hohen oder niedrigen Blutdruck habe, weiß ich höchstwahrscheinlich gar nicht! Das kurzfristige Ansteigen oder Abfallen eines niedrigen/hohen Wertes in die andere Richtung der Skala hingegen würde ich ziemlich sicher feststellen (etwa durch Schwindel oder leichte Übelkeit).

 

 

VERSUCH EINER FALSIFIZIERUNG DES EXISTENZEMPFINDENS

Nachfolgendes Bild soll beispielhaft einen neuronalen Regelschaltkreis für Körperregulation darstellen. Sagen wir mal rein beispielhaft, es wäre das Regulierungssystem für das Sättigungsempfinden.

 


Abb.8:Regulierungssystem

Wenn der Blutzuckerspiegel fällt, gleitet der Schieberegler in der Mitte der Skala nach unten. Das Sättigungsempfinden steht auf Hunger. Dies wird der zuständigen Instanz im Hirn gemeldet (grüner Punkt). Diese veranlasst mich durch ein bewusstes Hungergefühl zur Nahrungsaufnahme. Mit zunehmenden Sättigungsgrad geht der Schieberegler darauf hin nach oben.

 

 

In nachfolgendem Bild sind 3 solcher Regulierungssysteme dargestellt, die funktional miteinander in Verbindung stehen.


Abb.9:  verknüpftes Regulierungssystem

 

Diese Systeme arbeiten also nicht für sich allein, sondern treffen ihre "Entscheidungen" auch infolge von Zustandsberichten der jeweils anderen Systeme. Sie kommunizieren direkt miteinander. Der Nachteil dieser Variante: Jedes System muss zu seiner eigenen Aufgabenbewältigung noch Informationen aus zwei weiteren Quellen integrieren.

 

 


Abb.10: Regulierungssystem mit Steuereinheit

In obigem Bild wurde der Mechanismus um eine Instanz (A) erweitert. Sie sammelt den Input aller 3 Systeme, wandelt diesen nach internen Regeln in eine einheitliche Größe um und beliefert die einzelnen Systeme mit einem vereinheitlichtem Wert. Vorteil: Jedes System hat nur noch die Information aus einer weiteren Quelle zu integrieren. Wir gehen dabei von folgendem Sachverhalt aus: Die unteren Systeme liefern ihre Informationen nicht gleichzeitig, sondern nacheinander an Instanz A! Sie erhalten hingegen ihren Steuerbefehl von Instanz A gleichzeitig in einem einzigen kurzen Impuls!

 

In folgendem Bild verändern wir den Mechanismus durch Hinzufügen einer weiteren Instanz (B), welche ihren Input von Instanz A bezieht und seine "Steuerbefehle" anschließend an die 3 unteren Systeme erteilt.


Abb.11: Regulierungssystem mit 2 Steuereinheiten

 

Wie gesagt: Die unteren Systeme sind zeitlich nicht gleich getaktet! Die Informationen mit denen Instanz A gefüttert wird, sind zeitlich korrekt, weil sie zwar nacheinander aber in "Echtzeit" eintreffen. Die Information die Instanz B erhält, sind inhaltlich korrekt, weil sie den Gesamtzustand sämtlicher 3 Systeme repräsentiert. Dafür sind es aber keine "Echtzeit-Informationen".

Hierzu eine kleine Metapher: Ein Hauptmann befindet sich mit seinen Einheiten in einer Gefechtssituation. Es gibt 3 Frontabschnitte. In regelmäßigen Zeitpunkten treffen Kradmelder ein, die ihm die aktuelle Situation am jeweiligen Frontabschnitt schildern. Der Hauptmann steht vor folgendem Problem: Er kann auf jede Einzelinformation direkt reagieren und sofort Maßnahmen ergreifen. Der Nachteil: Er kennt die Gesamtsituation noch nicht. Er kann auch warten bis alle 3 Kradmelder vorgesprochen haben und nun auf die Gesamtsituation reagieren. Der Nachteil: Zwischenzeitlich könnte am ersten Frontabschnitt längst etwas fatales passiert sein, auf das nun nicht mehr rechtzeitig reagiert werden kann.

 

In folgendem Bild wird der Gesamtmechanismus ein letztes Mal erweitert.

Wir wissen: Die unteren Systeme liefern ihre Informationen nacheinander an Instanz A, wo sie gebündelt und vereinheitlicht werden. Über Instanz B erhalten sie anschließend gleichzeitig einen Steuerbefehl. Das braucht natürlich etwas Zeit, da zwei Instanzen in diese Schleife integriert sind. Wir kennen das Problem des Hauptmanns aus obigem Gleichnis: Ist es besser, sofort auf eine Einzelinformation zu reagieren oder besser, die Gesamtlage zu kennen, dafür aber zeitversetzt zu reagieren?! Beides kann sich im Nachhinein als richtig oder falsch herausstellen!

 

Diese Schwachstelle wird von Instanz C teilweise kompensiert! Instanz B sendet - wie gehabt - ihren Output weiterhin an die tieferen Subsysteme und nun aber auch zusätzlich an Instanz C. Die Information die C erhält ist eine Art "Reflexion" über den letzten inhaltlich vollständigen Zustandsbericht. Und dieser letzte Bericht geht nun in einer separaten Schleife zurück an Instanz A, während diese auch gleichzeitig die tatsächlichen Zustandsberichte der unteren Systeme in Echtzeit erhält. Die "Erinnerung" des letzen inhaltlich vollständigen Lageberichts wird mit den neu eintreffenden Echtzeit-Einzelberichten zusammengefügt. Dadurch wird die Generierung eines neuen Gesamtberichtes erleichtert. Die Erinnerung der unmittelbaren Vergangenheit wird also somit zur Prognose der unmittelbaren Zukunft und zusätzlich mit aktuellen Echtzeit-Informationen aus den unteren Systemen vereint. Das verhält sich in etwa so, als stünde unserem Hauptmann ein Adjudant zur Seite, der die Meldungen eines jeden neu eintreffenden Kradmelders (betreffend einzelner Frontabschnitte) mit einer ergänzenden Bemerkung über die letzte bekannte Gesamtsituation kommentiert. Dieser Kreislauf entwickelt ein sehr erstaunliches Eigenleben: An verschiedenen Punkten dieses Mechanismus befinden sich Informationen in verschiedenen Zuständen: Einzel- oder Gesamtinformation, zeitlich oder inhaltlich korrekte Information, Erinnerung oder Zukunftsprognose. Sie alle beziehen sich auf dieselbe Sache, insbesondere aber auf sich selbst! Die Existenz unseres menschlichen Bewusstseins resultiert (wenn man nicht gerade eine übernatürliche Seele postuliert) aus der Funktion re-entranter, rückkoppelnder Subsysteme die auf sich selber aufmerksam werden. Durch deren Überlagerung bildet sich eine Art Schwerpunkt, den wir für unser eigenes Selbst erachten! Das System erfindet sich selbst und bezeichnet sich als ICH! Allerdings nur, wenn wir in einem menschlichen Umfeld aufwachsen, eine Muttersprache erlernen und im Kleinkindalter mit autobiographischem Input gefüttert werden.

 

 

 

 


Abb.12: Rückkoppelndes Regulierungssystem mit 3 Steuereinheiten

 

  Das Existenzgefühl ist also eine von (mindestens) 4 elementaren Grund-Perspektiven, über die das Gesamt-System (nicht speziell der Beobachter) verfügt. In unserem alltäglichen Erleben stellt die Grundperspektive des Existenzempfindens "nur" einen "Gesamtrahmen" des Wahrnehmens bereit. Ich erinnere noch einmal an das imaginäre Beispiel in welchem wir einen Indianer und ein paar Großwildtiere unerwartet in unserem Büro vorfinden. Die Informationen welche die Existenzempfindung liefern, entsprechen hierzu analog dem "Erschrecken", der "reflexiven Resonanz". Diese Perspektive sagt mir nur, dass ich selber existiere und dass es abgesehen von mir selbst noch andere Dinge gibt!

 

Abb.13: Die dem Existenzempfinden entsprechende Grund-Perspektive stellt "nur" den Gesamtrahmen des Erlebens bereit.

 

 

 

ZWEITE GRUND - PERSPEKTIVE: DIE WAHRNEHMUNG EINER SITUATION

Um mich herum gibt es eine Außenwelt. Sie betrifft im Grunde das ganze restliche Universum. Während ich mir bspw. eine Tasse Kaffee eingieße, passieren auch auf der Sonne, dem Mars oder dem Jupiter irgendwelche Dinge. Die haben mit mir und meiner Situation aber nichts zu tun. Im engeren Sinne bezeichnet die Äußere Gesamtsituation  jene Dinge und Vorgänge, die sich in meinem (theoretisch denkbaren und größtmöglichen) aktuellen Wahrnehmungsbereich befinden.

Abb.14: Die äußere Gesamtsituation beinhaltet alles, was sich innerhalb eines Augenblickes im Bereich meines Wahrnehmens und Erlebens befindet bzw. sich unter der Voraussetzung meiner (zielgerichteten) Aufmerksamkeit darin befinden würde oder könnte.

Ich selber wiederum verfüge über einen inneren Gesamtzustand oder eine innere Gesamtsituation (IGS), mit der ich mich innerhalb eines Augenblickes in einer aktuellen äußeren Gesamtsituation (ÄGS) befinde.

 
Abb.15: Das Erleben der äußeren Gesamtsituation erfolgt unter den Bedingungen einer inneren Gesamtsituation heraus.

 

Innerhalb meiner inneren Gesamtsituation (also dem Milieu meiner Gefühle, Stimmungen, Gedanken, etc.) befindet sich wiederum eine Repräsentation, eine Abbildung der äußeren Gesamtsituation. Sie spiegelt alle Inhalte der äußeren Gesamtsituation wieder, die ich aktuell wahrnehme oder derer ich mir bewusst bin.

Abb.16: Innerhalb der inneren Gesamtsituation befindet sich eine Repräsentation der äußeren Gesamtsituation.

 

 Meine innere Situation wird auf zweierlei Weise von außen beeinflusst: Zum Einen gibt es in der äußeren Gesamtsituation Sachverhalte, die mich direkt beeinflussen und zwar unabhängig davon, ob ich sie wahrnehme! Wenn jemand von hinten einen Stein auf mich wirft, wird sich meine innere Gesamtsituation infolge der Konsequenzen, die mein Körper dadurch erleidet, verändern. Ich habe den Steinwerfer und sein Geschoß in diesem Fall nicht gesehen oder anderweitig wahrgenommen. Wenn ich hingegen sehe, dass jemand einen Stein auf mich werfen will, wird sich meine innere Gesamtsituation ebenfalls verändern. Diesmal nicht unmittelbar, sondern infolge einer Wahrnehmung die sich innerhalb der Repräsentation (des inneren Abbildes) der äußeren Gesamtsituation widerspiegelt. Das heißt: Sowohl die tatsächliche äußere Gesamtsituation als auch die Repräsentation der äußeren Gesamtsituation beeinflussen meine innere Gesamtsituation. Am Rande bemerkt enthält die Repräsentation der äußeren Gesamtsituation selbstverständlich auch Inhalte, die sich aus meinen inneren Wahrnehmungen und Vorstellungen heraus ergeben (eine Halluzination etwa würde ich der Außenwelt zurechnen, obwohl sie ursächlich aus meiner inneren Situation hervorgeht und nur in die Repräsentation der äußeren Gesamtwirklichkeit hineinprojiziert wird).

Inhalte des inneren Erlebens und der äußeren Situation können sich grundsätzlich parallel verändern, ohne das sich die Wahrnehmung derselben behindern würde. Ein Beispiel: Ich denke gerade an Einzelheiten meiner nächsten Urlaubsplanung. Gleichzeitig sehe ich (beiläufig im Vorübergehen), wie ein Baum von Bauarbeitern umgesägt wird. Diese Wahrnehmungen können problemlos gleichzeitig ablaufen.

Würde der Baum plötzlich in meine Richtung fallen, würden wahrnehmungs- und kognitive Vorgänge die sich auf Inhalte des inneren Erlebens beziehen (in diesem Fall die Urlaubsplanung) abrupt unterbrochen und ich würde nur noch auf das Ereignis in der äußeren Situation reagieren (um im konkreten Fall zu verhindern, vom Baum getroffen zu werden).

Es hätte aber auch sein können, dass mich die Baumfällerei "einfach nur so" näher interessiert hätte, ich meine Gedanken an den Urlaub "zufällig" beendet oder zumindest unterbrochen und einfach nur den Arbeitern zugesehen hätte. Warum wurden in diesem Fall meine inneren Wahrnehmungs- und Erlebensprozesse (vielmehr die auf die innere Situation bezogenen Prozesse) von Inhalten der äußeren Gesamtsituation (genauer gesagt deren Repräsentation) verändert oder unterdrückt?

 Es gibt subtile und diskrete "Zeitfenster", innerhalb derer das Gehirn Ist-Zustände, sowohl der aktuellen äußeren als auch der inneren Gesamtsituation, definiert (deren Inhalte und Strukturen). Dies geschieht nicht auf Grundlage inhaltlich-logischer Prinzipien, sondern infolge einer rein zeitlichen Taktung! Ein Beispiel: Ich befinde mich im Getümmel der Fußgängerzone einer Großstadt. Zahllose Einzelereignisse passieren unentwegt um mich herum und ich erkenne lauter kleine, zusammenhängende Situationen. Eine Frau und ein Kind verlassen nebeneinander ein Kaufhaus - ich unterstelle spontan und vorbewusst eine Mutter-Tochter-Beziehung zwischen den Personen. Vor einem Geschäft stehen zwei Teenager dicht beieinander - ich vermute es handelt sich um ein Liebenspärchen das zum Kuss ansetzt. Diese spontanen Interpretationen können natürlich falsch sein. Hätte ich das kleine Mädchen und die Frau etwas länger beobachtet, hätte ich sehen können, dass sich ihre Wege trennen und sie nur zufällig ein paar Schritte nebeneinander hergelaufen sind. Ebenso gut kann der Teenager die Teenagerin nur nach dem Weg gefragt haben. Vielleicht waren sie auch gar nicht so jungendlich für wie ich sie unbewusst infolge der Frisuren, der Kleidung o.ä. erachtet habe! Hätte sich meine bewusste Aufmerksamkeit auf die Personen gerichtet, dann hätte ich mein Urteil wahrscheinlich auch zurückgehalten und erst nach weiteren Beobachtungen meine Schlussfolgerungen gezogen. Sie befanden sich aber im Bereich der Hintergrundwahrnehmungen und diese wiederum definiere nicht ich - der Beobachter, das tut mein Gehirn indem es Inhalte und Strukturen der äußeren und inneren Gesamtsituation festlegt (also entsprechende Zeitfenster öffnet und schließt). Wobei das Öffnen und Schließen der situations-generierenden Zeitfenster natürlich nicht  allein den Grad der Bewusstheit von Wahrnehmungsinhalten definiert. Dieser Prozess "entscheidet" auch darüber, ob mich zu einem bestimmten Zeitpunkt auch eine sehr bewusst wahrgenommene Sache überhaupt "zufällig" interessiert oder nicht interessiert! Kommen wir noch mal auf die Arbeiter zurück die gerade einen Baum fällen, während ich in meinen inneren Dialogen meinen nächsten Urlaub plane. Hätte ich einen Sekundenbruchteil vorher gesehen, dass ein Baum gefällt wird, hätte dieses Ereignis dazu geführt, dass ich nicht weiterhin an meine Urlaubsplanung gedacht hätte, sondern mich (rein zufällig) für diese Situation interessiert hätte ("wie lange brauchen die wohl um den Baum umzusägen?")! Das hat nichts damit zu tun, dass die Fällung des Baumes einen Sekundenbruchteil früher für mich persönlich objektiv eine andere Bedeutung gehabt hätte, sondern damit, dass in diesem Augenblick das Hirn sich in einem Perspektiven-Übergang befunden und gerade die innere und äußere Gesamtsituation neu definiert hat.

In folgender Abbildung sehen wir einen Überlagerungszustand zwischen der ersten Grundperspektive (Existenzempfindung) und der zweiten Grundperspektive (Situationsempfindung). Erstgenannte Perspektive erzeugt den "Gesamtrahmen des Erlebens", die zweite erzeugt Inhalte der äußeren und inneren Situation.

Abb.17: Die dem Situationsempfinden entsprechende Grund-Perspektive "befüllt" den Gesamtrahmen des Erlebens (generiert durch "Existenz-Perspektive") mit konkreten Inhalten (Objekte, Personen, Situationen, Ereignisse).

 

DRITTE GRUND-PERSPEKTIVE: DAS ERKENNEN EINER AUFGABE

Dem empfundenen Wissen um die eigene Existenz und dem Erkennen einer äußeren Gesamtsituation, die im Rahmen einer inneren Gesamtsituation erlebt und dort auch repräsentiert wird, fügt sich mit der Aktivierung dieser dritten Grund-Perspektive die Information um die Präsenz einer Aufgabenstellung hinzu.

Oftmals werden wir durch äußere Umstände oder andere Personen in konkrete Aufgaben- und Entscheidungssituationen gebracht. Wenn sich ein Auto mit hoher Geschwindigkeit dem Zebrastreifen nähert, den ich gerade überqueren will, muss ich meine Schrittfolge beschleunigen. Delegiert mein dienstlicher Vorgesetzter eine Aufgabe an mich weiter, muss ich zusehen, wie ich eine Lösung herbeiführe.

Auch aus spontanem, inneren Antrieb ergeben sich "Aufgaben". Mitunter kann ein spontaner, unbewusster Impuls mein Interesse an irgendwas binden woraufhin ich mich damit kognitiv auseinandersetze.

Sehr häufig aber haben wir auch gar keinen äußeren oder inneren Anstoß für eine bestimmte Aufgabe oder Entscheidung. Dennoch haben wir unablässig eine Empfindung dafür, was wir tun sollen- selbst wenn diese Empfindung uns zur Passivität anhalten sollte!

Die "Bedeutung" der uns umgebenden Wirklichkeit und konkreter Inhalte derselben hängt ungeheuer stark mit unserer Intentionalität oder unseren konkreten Motiven und Absichten zusammen! Wie komplex oder intensiv ich etwas wahrnehme, in welche Bezugssysteme und Kontexte ich die Sache gedanklich einordne usw. - alles steht mit meiner Intention (das entspricht im Minimalfall lediglich einer sich "zufällig" anhand einfacher und unbewusster Kriterien ergebende Bedeutungshierarchie) oder meinen bewussten, willentlichen Wertigkeitskategorien in Verbindung. Dass wir prinzipiell nicht über längere Zeiträume in einen völlig interessens- und motivationslosen Zustand geraten können, hängt mit der Tatsache unserer körperlichen Bedürfnisse zusammen! Ggf. definiert das Hirn auf unbewusster Ebene irgendwelche "Minimalkriterien" in Bezug auf Überlebensvorteile oder Lustgewinn der wahrgenommener Inhalte des Erlebens. In Abwesenheit einer komplexeren, situationsbedingten "Aufgaben- oder Entscheidungssituation" werden sich meine Entscheidungsvorgänge im Minimalfall darauf beziehen, in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen etwa eine Toilette  aufzusuchen, in einen wärmeren Pullover zu schlüpfen, einen  kleinen Imbiss einzunehmen oder das Fernsehprogramm zu lesen, um dem langweiligen Werktagsabend einigermaßen "lustvoll" zu begegnen. Allerdings muss niemand von uns wirklich warten bis er auf Klo muss, ehe sich irgendwelche Inhalte oder Phänomene seines inneren Erlebens verändern! Wer sich schon mal bewusst mit dem Vorsatz auf einen Stuhl gesetzt hat, auch nur 30 Sekunden lang an überhaupt rein gar nichts zu denken und überhaupt nichts bewusst wahrzunehmen, wird rasch bemerkt haben, dass unser Hirn ständig irgendwelche Inhalte auf unser geistiges Display schleudert! Unweigerlich auch solche, an die sich in einem zumindest entfernten Sinne auch unsere Emotionen, unser Interesse oder irgendwelche trivialen Motive binden.

 

Ein Gedanken-Experiment:

 Ich stehe in einem Raum von der Größe eines gewöhnlichen Zimmers. Ich weiß, dass diesem Raum viele andere, in Bezug auf Größe und Architektur grundsätzlich identische Räume folgen, die jeweils durch eine Tür verbunden sind. In diesen Räumen befinden sich verschiedene Werkzeuge die im jeweils nachfolgendem Raum zur Lösung einer dortigen Aufgabe benutzt werden müssen. Es wechseln sich also immer ein Raum mit Werkzeugen und ein Raum mit einer zu lösenden Aufgabe ab. Erst nachdem ich eine Wahl getroffen habe, welche Werkzeuge ich in einem Raum mitnehme, darf ich den nächsten betreten und ebenso muss erst die bestehende Aufgabe eines Raumes gelöst werden, ehe zum nachfolgendem Raum mit Werkzeugen fortgeschritten werden darf. Entscheidend ist, dass man immer nur in einem Raum Handlungen vornehmen kann und sich nicht zurückbewegen darf! Es gibt also keine neuen Versuche in vergangenen Situationen, sondern immerzu nur neue Situationen!

Sagen wir mal vor mir lägen eine Schere, ein Hammer, ein Nagel und eine Zange. Wenn ich nun wüsste, dass im nächsten Raum ein Bild an der Wand befestigt oder aber ein Papierschiff gebastelt werden soll, dann wäre die Wahl einfach! Für den Fall das ich überhaupt keine Ahnung habe was kommt, wäre es besser, möglichst viele Werkzeuge mitzunehmen. Habe ich hingegen eine überaus konkrete Vermutung was mich erwartet, wäre es besser, nur ein einzelnes aber passendes Werkzeug mitzuführen.

 

Nun ein anderes kleines Gedankenexperiment:

Stellen wir uns vor wir befänden uns in einem beruflichen Einstellungstest bei dem unsere Wahrnehmungsfähigkeit getestet werden soll. Wir sitzen vor einem Bildschirm auf dem fünf Minuten lang geometrische Formen auftauchen und wieder verschwinden. Die erste Aufgabe lautet, die grünen Dreiecke zu zählen. Das ist recht einfach und ich kann die roten Kreise, gelben Quadrate und blauen Ellipsen die ebenfalls erscheinen, umgehend ignorieren. Bestünde die Aufgabe darin, sämtliche Formen nach Art und Anzahl zu benennen, sähe es anders aus. Die gleiche äußere Situation wird infolge einer komplexeren Aufgabenstellung viel anspruchsvoller und ich kann keine der einzelnen Wahrnehmungsinhalte einfach so ignorieren. Eine Steigerung bestünde in der Aufforderung, Regeln zu erkennen wonach bestimmte Objekte auftauchen. Vielleicht taucht immer dann ein grünes Dreieck auf nachdem ein gelbes Quadrat im oberen Rand des Bildschirms verschwindet, vielleicht wechseln sich die Formen auch einfach nur reihum ab, vielleicht aber ist die Regel viel komplizierter und ich muss über einen etwas längeren Zeitraum eine ganze Serie an einzelnen Ereignissen beobachten, im Gedächtnis behalten und analysieren. Ich könnte sogar die Ebene der Betrachtung wechseln und hinterfragen, ob es in Wirklichkeit gar keine Regel gibt und der Prüfer lediglich herausfinden will, wie lange ich mich verarschen lasse!

Während wir so durchs Leben gehen "sagt" uns unser Unterbewusstsein unentwegt, wie "wichtig" oder "unwichtig" manche Dinge sind, die wir wahrnehmen und wir greifen mit unseren kognitiven Apparaten ständig nach irgendwelchen Werkzeugen, lassen sie mal spontan, mal nach kürzerem oder längerem Nachdenken wieder fallen!

Dabei spielt es zum Einen eine Rolle, ob wir gerade ein bewusstes und langfristiges Handlungskonzept haben (das Abitur in 2 Jahren bestehen zu wollen, ist ein dauerhaftes Meta-Konzept, das auch die Wertigkeit verschiedener Dinge justiert), oder aber nur eine sehr flüchtige und unbewusste Intention haben.

Aber woher "wissen" wir, was wir tun sollen, was uns erwartet und warum manche Dinge weniger und andere hingegen weitaus wichtiger sind??! Rein theoretisch könnte ich einen ganzen Tag, eine ganze Woche oder einen ganzen Monat darüber nachgrübeln, ob ich z.B. eine alte Zeitung wegwerfen oder sie über weitere Jahre hinweg aufbewahren soll!

Man könnte hier vielleicht einbringen, ich würde die Sachlage in einer dem wirklichen Erleben entgegen gesetzten Reihenfolge darstellen: Normal gerät man erst in eine Situation und nimmt dann eine Entscheidungs- oder Handlungsaufforderung wahr. OK- aber auch dann bleibt die Frage, wann und wodurch sich die Empfindung einstellt, eine Aufgabenstellung erkannt oder "zu genüge" entsprochen zu haben.

Wenn ich mich als bewusster Beobachter mit irgendwelchen Dingen auseinandersetze, sie analysiere und Entscheidungen treffe, kann ich mich im Prinzip in jede X-beliebige Richtung fortbewegen, an verschiedenen Entscheidungspunkten beliebig lange verweilen, mal weiter und mal weniger weit vorausplanen und mal mehr oder weniger Fakten in die jeweiligen Denkanstrengungen mit einbeziehen (wie im Gedankenexperiment mit dem Einstellungstest, wo dieselbe äußere Situation nach unterschiedlichen Kriterien behandelt werden kann).

Die untere Abbildung soll die  "Entscheidungsfreiheit" darstellen: Ich kann mich auf bewusster Ebene von irgendeinem (mentalen) Standpunkt aus in irgendwelche Richtungen fortbewegen und mich - je nach belieben - auch wieder zum Ausgangspunk zurückbewegen.

Abb.18: Ich kann mich als Beobachter (kognitiv und natürlich auch in Form einer realen räumlichen Fortbewegung) in jegliche Richtungen bewegen und auch wieder zum Ausgangspunkt zurückkehren.

Das Gesamtsystem jenseits des Bewusstseins und des Beobachters aber liefert in regelmäßigen zeitlichen Intervallen den Impuls bzw. die Information, sich in in einer "Entscheidungssituation" zu befinden. Das System kennt in diesem Bezug nur zwei Zustände: Es kann "sich" als eine singuläre Einheit wahrnehmen, oder aber als eine Einheit in einer Entscheidungssituation. Ich erinnere nochmals an die aneinander gereihten Räume in denen sich abwechselnd Werkzeuge und zu lösende Aufgaben befinden. Das Gesamtsystem durchschreitet also in einer nach internen Gesetzen definierten zeitlichen Taktfolge diese Räume. Es gibt nur eine Bewegungsrichtung und keine Rückkehr zu einem Ausgangspunkt!

Abb.19: Das Gesamtsystem wechselt seine Zustände ständig zwischen den Polen "Einheit in Ruhe" oder "Einheit in einer Entscheidungssituation".

Wie kann aber innerhalb der Perspektive des Beobachters etwas völlig anderes passieren als innerhalb der tieferen Strukturen des Gesamtsystems? Meine realen Entscheidungsprozesse sind kompliziert, dauern verschieden lange, beziehen unterschiedlich viele Einzelinformationen und abzuwägende Kontexte mit ein! Ich kann ja einen Entscheidungsprozess nicht beenden, weil meine tiefen Systemfunktionen gerade auf "Keine Entscheidungs- Situation" umschalten!

Dies geschieht natürlich auch nicht. Wenn ich ein Auto auf 100 km/h beschleunige, benötige ich viel Energie. Ich muss Gas geben und der Motor hat eine vergleichsweise hohe Arbeitslast zu bewältigen. Um das Fahrzeug auf gerader Strecke auf 100 km/h Geschwindigkeit zu halten, bedarf es nur eines Bruchteiles an Energie bzw. an Motorleistung als wie beim Beschleunigen! D.h. während mein Gesamtsystem gerade den Modus "Keine Entscheidungssituation" durchläuft, bleibe ich auf bewusster Ebene weiterhin an der aktuellen Aufgabenstellung haften. Ebenso wenig muss die Aktivierung des Systemmodus "Vorhandene Entscheidungssituation" spontan zur Beendigung eines aktuellen Gedankenprozesses und zur Wahrnehmung einer neuen Aufgabe führen! Statt dessen kann die  Relevanz der aktuellen Aufgabenstellung durch diesen Impuls bestätig werden. Das System "sagt" also: "Ich entscheide, dass an der vorliegenden Problemstellung weiterhin gearbeitet wird". Ebenso kann die Komplexität einer bewussten Aufgaben- und Entscheidungssituation erhöht werden. Das System "sagt" dann:" Ich entscheide, dass dieser oder jener Aspekt ebenfalls mit einbezogen und auf seine mögliche Bedeutung analysiert wird". Die im bewussten Erleben vorhandenen Inhalte müssen also mitnichten zwingend ersetzt werden! Sie können statt dessen vielmehr "verjüngt", "erneuert" oder "bestätigt" werden.

"Verjüngung" bedeutet, dass mir eine Situation oder ein Ereignis zunehmend vertrauter erscheint und die Repräsentation derselben weniger Ressourcen des Wahrnehmungsapparates beansprucht. Auch treten die selbstbezüglichen Eigenschaften eines "verjüngten" Wahrnehmungsinhaltes stärker in Erscheinung, während sich der Kontext bzw. Kontrast zu seiner "Umwelt" (im Wahrnehmungsfeld) abschwächt.

 

Ein kleines Beispiel hierzu: Nachfolgendes Bild zeigt das Ereignis eines sich verändernden Objektes. Aus dessen Zentrum entstehen nacheinander Zweige, die sich ständig um ein im 45Grad Winkel anschließendes Stückchen verlängern. Die Zahlen an jedem der einzelnen Zweige stehen für die Menge an Reaktionsschritten, innerhalb derer sie entstanden sind.

Abb. 20: Beobachtetes Ereignis

Im Zuge der "Verjüngung" definiert das Hirn andere Kriterien für die Komplexität von Inhalten. Im konkreten Beispiel orientiert es sich nicht mehr an einzelnen Strichen, sondern betrachtet jeweils zwei aneinander angewinkelte Striche als eine (größere) Einheit und als (neues) Maß für die Komplexität des Objektes.  Ferner verringert es die Tendenz von Wahrnehmungsinhalten, mit anderen Inhalten zu interagieren oder eine veränderte Wirkung auf den Beobachter auszuüben.

 

Abb.21: Links: "unvertrautes" Objekt.  Rechts: "verjüngtes" bzw. "vertrautes" Objekt.

 

Folgende Abbildung stellt die funktionale Überlagerung der ersten drei von den erwähnten vier Grund-Perspektiven dar. Die dritte Perspektive (Entscheidungsempfinden) lässt uns innerhalb des Gesamtwahrnehmungsfeldes (Existenzempfinden) und konkreter Inhalte (Situationsempfinden) eine eigene mentale Position und eine "Aufgabe" im weitesten Sinn erkennen.

Abb.22: Die dritte System-Grundperspektive lässt uns innerhalb einer wahrgenommenen Situation eine Entscheidungsaufforderung erkennen.

 

 

 

VIERTE GRUND-PERSPEKTIVE: DIE INTEGRATION EINER VORAUSGEGANGENEN ERLEBENS-SEQUENZ

Diese Grund-Perspektive des Gesamtsystems (nicht explizit des Beobachters) schließt eine Erlebens-Sequenz ab. Anschließend wird die erste Grund-Perspektive, nämlich jene des Existenz-Empfindens, wieder aktiviert. Natürlich hat mein Gesamt-Neural-System zwischenzeitlich nicht "vergessen" das es existiert. Das Existenzgefühl wird aber "upgedatet"! Neue körperliche Zustandsberichte ersetzen die vorherigen.

Bleiben wir aber erstmal bei dieser vierten Grundperspektive. Wie kann eine Erlebens-Sequenz "abgeschlossen" werden? Die einfachste Aussage wäre: Das Gehirn bestimmt, dass die betreffende Gesamtsituation jetzt Vergangenheit ist! Hierzu müssen aus einer zunächst koexistent bestehenden inneren und äußeren Gesamtsituation eine generelle (vollendete, als Vergangenheit empfundene) Gesamtsituation gebildet werden, damit im nachfolgenden Aktivierungszyklus der anderen Grund-Perspektiven eine neue Ausdifferenzierung zwischen innerer und äußerer Gesamtsituation erfolgen kann.

Untere Abbildung veranschaulicht die Überlagerung sämtlicher 4 Grund-Perspektiven, über die das Gesamtsystem im Rahmen der hier geäußerten Hypothesen verfügen könnte:

 

Abb.23: Die vierte Grundperspektive ("Abschluss einer Erlebenssequenz") in blauer Farbe singularisiert sämtliche Inhalte und ermöglicht deren Integration innerhalb nachfolgender Erlebenssequenzen.

 

 

 DIE AKTIVITÄT DER UNIVERSALEN GRUND-PERSPEKTIVEN DES SYSTEMS NOCH EINMAL IM SCHNELLDURCHLAUF :

 

 

Die erste Grundperspektive beinhaltet das Existenzempfinden und generiert den äußeren Gesamtrahmen des Erlebens.


Abb.24: Existenzempfindung

 

 Die zweite Perspektive beinhaltet das Situationsempfinden und erzeugt konkrete Inhalte.


Abb. 25: Situationserleben

 

 Die dritte Perspektive  induziert die Empfindung einer Aufgabenstellung  bzw. einer Entscheidungssituation und reguliert die "Intentionalität" des Beobachters


Abb.26: Entscheidungsprozess

 

 Die vierte Perspektive beendet eine Erlebenssequenz indem es alle bisherigen Inhalte zu einer Gesamtsituation bündelt.


Abb.27: Integration, "Abschluss" einer "Erlebenssequenz"

 

 

Man möchte vielleicht einwenden, der hier angenommene Wechsel an verschiedenartigen Grundperspektiven - so er mit der Wirklichkeit übereinstimmen sollte - würde eine zu starke Determiniertheit unseres Erlebens bedeuten! Wie könnte sich mein Geist so scheinbar "frei" allen möglichen Inhalten zuwenden, wenn die inneren Erlebensprozesse von sehr kurzen, impulsartigen Zyklen vorangetrieben und durch deren Abfolge auch determiniert werden?!

Natürlich erlöschen Wahrnehmungsprozesse und deren Inhalte nicht vollständig beim Perspektivenwechsel! Zum erheblichen Teil werden sie "weitergereicht", mitunter sogar verstärkt und ausdifferenziert oder "nur" in ihrem Zustand verändert . Eine sich "abschwächende" Perspektive "projiziert" ihre Inhalte noch in die nächste zeitliche Sequenz, die neue Perspektive hingegen "reflektiert" die unmittelbare Vergangenheit. Eine Information könnte z.B. in eine übergeordneten Einheit integriert werden (etwa wenn ein "Objekt" zum Bestandteil einer "Situation" wird) oder seine Beziehung zu anderweitigen repräsentierten Informationen verändern (ohne dass eine Assoziationsleistung des wahrnehmenden Subjekts erfolgen würde oder müsste).

Wir müssen auch wissen:
  Unser Gehirn benötig keine vollständigen Informationen um vollständige Inhalte zu generieren! Es ist ein sog. Fuzzy-System! D.h. es erzeugt aus angedeuteten Mustern aufgrund gespeicherten Wissens vollständige Inhalte. Auf der Ebene des bewussten Erlebens und dessen Zeittaktung ist hier auch das sog. "Priming" und die "semantische Bahnung" relevant (näheres hierzu unter Kapitel 5 "Arten der neuronalen Informationsverarbeitung" auf der Index- Seite). Analoge Prozesse existieren auch in den eher mikroskopischen Zeitfenstern der Zyklen-Wechsel von Grundperspektiven! 

 

In der Tat werden wir allerdings auch unentwegt sehr stark determiniert. Viele denkbaren Folge-Wahrnehmungen und Folge-Assoziationen einer gewissen Erlebens-Perspektive können nicht eintreten. Allerdings führen jene Pfade die sich "zufällig" verwirklichen nicht in Sackgassen, sondern in anderweitige innere Erlebens-Situationen, die ihrerseits einen "Streukreis" an theoretisch denkbaren Folgezuständen und -inhalten aufweisen. Untere Abbildung zeigt 3 verschiedene Pfade, die sich von einem gemeinsamen Zentrum aus verzweigen (rot, blau und grün). Die kleinen Hügelchen an denen die Pfade vorbeiführen, können nur gesehen werden, wenn man den jeweiligen Pfad abschreitet. Die großen gelben Berge hingegen können von jeder räumlichen Position der dargestellten Landschaft aus gesehen werden. 

 


Abb.28: Möglichkeitspfade

- Es ist "Zufall", dass ich manche Dinge überhaupt bzw. in einer bestimmten (nämlich der realisierten) Form wahrnehme.

- Die Wahrnehmung universeller Wirklichkeitsinhalte, die Bildung zentraler Ordnungs- und Wertigkeitskategorien sowie das Erkennen einiger grundsätzlicher philosophischer Probleme hingegen ist Gewissheit, weil praktisch "alle Wege dorthin führen"! 

 

 

    EBENEN DES BEWUSSTSEINS:

Man spricht vom Bewusstsein immer im Singular. Tatsächlich aber hat es mehrere, ineinander verwobene Formen:

KOGNITIVES BEWUSSTSEIN

Es besteht aus drei Stufen:

In seiner primären Form ermöglicht es die bewusste Repräsentation des Körpers und der Umwelt.

Die zweite Stufe (introspektives oder reflektierendes Bewusstsein) erzeugt die Fähigkeit, im Geiste den eigenen Gedankenstrom zu verfolgen und Gedanken zweiter Ordnung über die eigenen mentalen Zustände zu fassen.

Die dritte Stufe bezeichnet das Ich- oder Selbstbewusstsein, also die Fähigkeit, sich selbst als Subjekt eigener Gedanken wahrzunehmen und die eigene Existenz als Individuum zu begreifen.

 

PHÄNOMENALES BEWUSSTSEIN

Diese Form des Bewusstseins betrifft die subjektiven und qualitativen Aspekte der bewussten Erfahrung.

Die zyklische Aktivierung der Grundperspektiven dehnt sich wellenartig durch die verschiedenen Bewusstseinsschichten aus.

 

 

3.  WO IST DAS ICH ?

 

DIE DYNAMIK DES ERLEBENS:

 

Nachfolgend versuche ich, wenige profane aber grundlegende Begriffe zu definieren, die sich für eine universelle Beschreibung von Erlebens- und Wahrnehmungsprozessen eignen. Sie lauten: INHALT, THEMA, EBENE, PERSPEKTIVE und FOKUS.

 

INHALT:

Alles was wir wahrnehmen oder erleben, wird als Information in unserem Aktualbewussteins bzw. Arbeitsgedächtnisses dargestellt. Grundsätzliche Kategorien von Inhalten (also Informationen bzw. Repräsentationen) sind:

Objekte, Situationen und Ereignisse.
(Neben diesen semantischen Inhalten gibt es natürlich auch phänomenale Inhalte, etwa Eindrücke, Empfindungen, Emotionen,etc.).


Objekte
sind überwiegend  "Gegenstände" aller Art (real, abstrakt oder symbolisch) die sich vorrangig durch ihre selbstbezüglichen Eigenschaften und sekundär durch ihre Wechselwirkung, ihre Resonanz oder ihren Kontrast zur Umwelt definieren. Sinnvolle Unterkategorien von Objekten könnten Lebewesen und Personen darstellen, die sich durch ein eigenständiges, bedürfnisorientiertes Verhalten und im Zweitgenannten Fall durch ein eigenes Meta-Bewusstsein auszeichnen.


Eine Situation umfasst Objekte, deren relativen Beziehungen zueinander (z.B. die räumliche Anordnung) und ggf. deren Beziehung zu ihrer gemeinsamen Umgebung. Auf ein einzelnes Objekt bezogen bezeichnet SITUATION dessen Zustand oder Veränderung innerhalb einer Kategorie (Ebene) von Eigenschaften (ein Mensch kann z.B. "schön" sein).

Ein Ereignis bezeichnet den Veränderungsprozess eines Objektes oder einer Situation

 

Bei näherem Hinsehen haben wir bei den Begriffen Situation und Ereignis enorme Definitionsprobleme.

Reale Situationen und Ereignisse und repräsentierte Situationen und Ereignisse sind natürlich nicht deckungsgleich! Was innerhalb meiner Wahrnehmung einer "geschlossenen" Situation entspricht, ist nur der Ausschnitt, die Momentaufnahme eines in der Wirklichkeit weitaus größeren, komplexeren Ereignisses. Prinzipiell entspricht jede wahrgenommene Situation dem Detail eines strukturell und/oder zeitlich übergeordneten realen Ereignisses und umgekehrt. Ferner werden niemals alle Details einer realen äußeren Gesamtsituation in die innere Repräsentation der äußeren Gesamtsituation aufgenommen.

 

Innerhalb der Wahrnehmung eines Subjekts besteht der wesentliche Unterschied zwischen einer Situation und einem Ereignis darin:

Bei einer Situation weiß der Beobachter um die Natur der Beziehung zwischen den Inhalten bescheid: Wer weiß was ein Fußballspiel ist, der repräsentiert innerhalb seiner Wahrnehmung nicht nur die Objekte (Spieler, Ball, etc.) , sondern auch die prinzipielle Beziehung zwischen denselben. Er erlebt eine Situation.

Wer noch nie ein Fußballspiel sah, auch nichts darüber gelesen oder sonst wie darüber erfahren hat, der steht vor einem Ereignis. Er sieht viele Leute umher rennen, sieht einen Ball durch die Luft fliegen, vermutet auch einen prinzipiellen Zusammenhang zwischen diesen Dingen. Doch ist er mit der Natur der Sache (noch) nicht vertraut. Er kann nicht mit Sicherheit einschätzen, was als nächstes passieren könnte, welche "Endzustände" eintreten und wie weit sich das Ereignis zeitlich und inhaltlich noch ausdehnen könnte (die Leute könnten theoretisch den Mann tot prügeln der den Ball geklaut hat und dann zufrieden nach Hause gehen).

 

 

THEMA:

Ein Inhalt ist etwas, das wir wahrnehmen (Objekte, Situationen, Ereignisse). Ein Thema ist etwas, mit dem wir uns aufgrund willentlicher Absicht oder aufgrund der Umstände des Erlebens bewusst oder jedenfalls vordergründig (gedanklich) auseinandersetzen. Ein Thema ist also ein fokussierter Wahrnehmungsinhalt, der entweder Ausgangspunkt oder Gegenstand unserer kognitiven Prozesse ist.
 

DER ÄUSSERE KONDENSATIONSPUNKT

  ist etwas, das mein (primär durch Körperempfindungen generiertes) Existenzempfinden vervollständigt. Damit meine ich irgendeinen X-beliebigen Inhalt im Bereich der zumeist äußeren Wahrnehmung, der (zufällig) deutlicher und konkreter als anderweitige Inhalte erlebt wird. Betrete ich etwa einen Raum, muss sich zwangsläufig irgendetwas im Zenit meines Sehstrahles befinden, so wie ein ungezielter Steinwurf irgend etwas treffen wird (ggf. nur einen bestimmten Punkt auf dem Boden). Kondensationspunkt sage ich deshalb, weil die (reflexive, unbewusste) Empfindung einer erhöhten Wahrnehmungsaufmerksamkeit auf irgendeinen Inhalt einen indirekten Rückschluss auf meine eigene ICH-Präsenz bzw. meine Bewusstseinsaktivität erzeugt. Wenn ich z.B. einen Apfel zufallsbedingt im Fokus meines Sehrstrahles habe (der visuelle Kanal ist für uns Menschen der dominante Sinneskanal), so lautet die rein vegetative, rückkoppelnde Botschaft an das Unterbewusstsein:" ICH bin derjenige, der diesen Apfel gerade wahrnimmt" oder "ICH bin derjenige, der diesen Apfel deutlicher wahrnimmt als irgendwas anderes".  Analog hierzu: Das Vorhandensein von Wasserdampf in einem geschlossenen Raum ist unterhalb einer gewissen Quantität nicht direkt zu erkennen. An den Fensterscheiben aber kondensiert der Dampf und hinterlässt deutlich sichtbare Wassertröpfchen, ist also indirekt erkennbar.

 

EBENE:

 Ebenen bezeichnen mögliche Bezugssysteme von Inhalten. Betrachten wir den Begriff Mensch: Ein Mensch steht u.a. im Kontext zu einer biologischen, sozialen und ökonomischen Bezugsebene. Als Mensch bin ich ein biologisches Lebewesen. Meine phänotypischen Merkmale unterscheiden sich von jenen anderer Lebensformen, meine Organ- und Zellfunktionen hingegen sind weitgehend mit jenen aller anderen Lebensformen identisch oder ähnlich. Ferner bin ich ein soziales Lebewesen. Ich habe eine Familie, Verwandte, Arbeits- und Vereinskollegen. Auch bin ich Teil einer Volkswirtschaft (ökonomische Bezugsebene). Ich übe eine bezahlte Tätigkeit aus, ich spare, kaufe Konsumgüter, etc.

Statische Ebenen:
Dieser Begriff bezeichnet "logische Ebenen" wie in obigen Beispielen.

Dynamische Ebenen:
Sie ergeben sich aus den Umständen und Bedingungen des Erlebens bzw. aus dem Kontext des Zusammentreffens oder der zeitlichen Abfolge von Inhalten. Ich kann z.B. ein Telefonbuch und ein Trinkglas zum Einfangen einer Spinne benutzen (Spinne in Glas und Telefonbuch drauf). Die Objekte sind hier fernab einer prinzipiellen logischen Bezugsebene zueinander in Verbindung gesetzt worden.
 

 

PERSPEKTIVE:

Eine Perspektive bezeichnet mentalen Zustand (insb. bewusste und unbewusste Intentionen) eines Beobachters, eines wahrnehmenden Subjektes. Ein Naturschützer nimmt einen 700 Jahre alten Eichenbaum unter "anderen Gesichtspunkten" wahr wie ein Möbelfabrikant.

 

FOKUS:

Der Fokus bezeichnet das Wahrnehmungsfeld eines Beobachters. Ich kann mich z.B. visuell auf meinen Daumennagel konzentrieren (enger Fokus) oder von einem Berggipfel aus zum Horizont und die im Tal befindlichen Orte schauen (weiter Fokus).

 

4.   ZUSTANDSFORMEN  DES  "ICH" 

Zur Erinnerung: Wir definierten bisher die Begriffe INHALT (beliebige Wahrnehmung), THEMA (Gegenstand vordergründiger Wahrnehmung und kognitiver Auseinandersetzung oder "äußerer Kondensationspunkt"), EBENE (Beziehungsraum eines Inhaltes oder Themas), PERSPEKTIVE (mentaler Zustand des Subjekts - insb. seine Intentionen) und FOKUS (Wahrnehmungsbereich, in dem Inhalte dargestellt werden). Themen und Inhalte können natürlich auch ineinander verspachtelt sein, d.h. ich erlebe Themen und Inhalte aus dem übergeordneten Kontext eines vordergründig präsenten Themas (etwa einer bewussten Handlungsabsicht) heraus.

 

Betrachten wir nachfolgend an einer Beispielszene die Dynamik und die Besonderheiten menschlicher Erlebensprozesse.

Man könnte feststellen, dass sich bei mentalen Erlebensprozessen mehrere Subfunktionen die Klinke in die Hand geben! Da gibt es ein ICH und ein ES, einen BEOBACHTER und einen AKTEUR.

ICH: Willentliches und sehr bewusstes Planen, Entscheiden und Bewerten.

ES: Subtiles, "passives", unmotiviertes  Entscheiden und Bewerten ohne Vorsatz und Willensanstrengung, ggf. auch unbewusst.
Die hier vorgestellte Definition hat nichts oder nur wenig mit dem ES im  Sinne Freud`s zu tun!

AKTEUR: Planen, Entscheiden und Bewerten

BEOBACHTER: Wahrnehmen und Reflektieren
 
Jede dieser Subfunktionen ist dazu befähigt, den Wahrnehmungs-Fokus zu erweitern oder zu verengen sowie ein Thema oder eine Ebene zu wählen oder zu wechseln!

Meine Intentionen können sehr vordergründig und präzise sein. Dann sprechen wir auch von Motiven oder Handlungsabsichten. Andernfalls habe ich aber ebenfalls ein "Thema", d.h. einen Wahrnehmungsinhalt, mit dem ich mich aufgrund irgendwelcher (zufälliger) Ursachen mental auseinandersetze oder den ich zumindest in erhöhter Deutlichkeit wahrnehme. Im absoluten Minimalfall, also in Abwesenheit von Motiven und vordergründigen Themen, gibt es zumindest etwas, was ich persönlich als einen "äußeren Kondensationspunkt betrachte.

 

 ICH UND  ES, BEOBACHTER UND AKTEUR IM WECHSELSPIEL:

Mein FOKUS (Wahrnehmungsfeld) verengt und erweitert sich unablässig und abwechselnd. Ständig nehme ich Inhalte wahr. Ständig werden Inhalte zu Themen und Themen zu Inhalten. Ebenso unablässig erfolgt die Auswahl und der Wechsel von Inhalten, Themen und Ebenen.

 

 Ein Beispiel: Ich gehe durch die Stadt um einen Einkaufsbummel auszuführen. Ich nehme viele Inhalte in einem weiten Fokus wahr (Passanten, Autos, Häuser, etc.). Nun sehe ich einen alten Schulfreund - dieser Inhalt weckt mein Interesse und wird zu einem Thema, mein Fokus bzw. Wahrnehmungsfeld verengt sich deshalb auf seine Person. Ich nähere mich ihm und beginne ein Gespräch - mein Fokus erweitert sich und es bilden sich eine Reihe weiterer, seine Person betreffende Themen (Familienstand, Beruf, Wohnort, etc.). Eines dieser Themen interessiert mich vordergründig - der Fokus verengt sich auf dieses Thema und ich frage nach seinem Familienstand. Er bestätigt verheiratet zu sein - mein Fokus erweitert sich themenspezifisch und ich will nun wissen, wen er geheiratet hat, wo er seine Frau kennen lernte, etc. Im weiteren Verlauf kommen wir auf sein Auto (Thema) zu sprechen - ein Porsche 911 Carrera. ES interessiert mich (passiv, aus reflexiver Neugierde) wie viel PS das Auto hat (Ebene). Ich staune über seine Antwort und ICH will nun wissen (aktiv, aus vordergründigem Interesse) wie viel es gekostet hat, wechsle also die Ebene (von der technischen zur ökonomischen). Anschließend unterhalten wir uns über anderweitige Dinge. Manche meiner Fragen ergeben sich also infolge eines gezielten, bewussten Interesses. Sollte ich hinterher bewusst über die Situation reflektieren, werde ich sagen, ICH hätte dieses und jenes von ihm aktiv erfahren wollen. Ergibt sich die Entscheidung für ein Thema hingegen sehr spontan und ohne vorheriges Abwägen, werde ich eher sagen, ES hat mich interessiert mich in dieser oder jener Richtung zu erkundigen (das Interesse "kam" also "passiv" über mich, so wie etwa auch das Bedürfnis zu Gähnen oder sich zu Räuspern auftreten kann). Mglw. hat "ES" mich demoralisiert, die offensichtliche wirtschaftliche Überlegenheit meines Schulfreundes (mit Hinblick auf den Porsche) realisieren zu müssen. In diesem Fall habe ICH das Thema gewechselt ("Hans, reden wir doch lieber von was anderem!"). Natürlich könnte ICH durch diese Information aber auch bewusst frustriert worden sein. Dann hat ES affektiv ein neues Thema gesucht. Theoretisch hätte ICH oder ES auch auf eine abstraktere Ebene ausweichen und hinterfragen können, ob mir der Schulfreund authentische Informationen mitteilt oder ob er mich verkohlen will.

Ebenso polarisiert sich mein Verhalten zwischen Sequenzen, die man eher einem passiven Beobachter zuschreiben könnte der Informationen jenseits konkreter Motive oder Handlungsabsichten sammelt und vorbewusst Handlungsoptionen generiert, und Sequenzen, in denen ein bewusst und planerisch handelnder Akteur vordergründig aktiv ist, der u.a. konkrete Entscheidungen trifft bzw. zwischen Handlungsoptionen selektiert. Ein Beispiel: Ich sitze Sonntag Nachmittag auf einer Bank im Zoo vor dem Affengehege und lasse die Gedanken entspannt schweifen. Im Laufe der Zeit werden mir in zunehmender Deutlichkeit irgendwelche, die Situation betreffende Fakten bewusst: Ich erkenne das mindestens 7 statt der anfangs wahrgenommenen 4 Affen im Gehege sind. Mir fällt auf dass ein Tier hinkt. Ich bemerke, dass einem Schimpansen ein Stück Fell fehlt. Irgendwann gelange ich zu der Feststellung, dass in Anbetracht  der guten Wetterlage eigentlich nur wenige Besucher hier sind. Wenige Augeblicke später fällt mir spontan dazu ein, dass gerade Sommerferien sind und viele Leute wohl in Urlaub gefahren sind. All diese Dinge haben mich eigentlich nicht gezielt interessiert. Der innere Beobachter hat sie nach und nach eruiert. Der Akteur hingegen lässt mich irgendwann bewusst, vorsätzlich und willentlich abwägen, ob ich zum Delfinarium oder ins Reptilienhaus weitergehen soll. Er gibt mir vielleicht den willentlichen Handlungsimpuls, unter den Affen im Gehege bewusst das mutmaßlich größte und schwerste Tier zu finden oder er lässt mich autoreflexiv darüber wundern, wie und warum der Beobachter ausgerechnet auf diesen oder jenen Wahrnehmungsinhalt aufmerksam wurde ("Warum interessieren mich denn heute ausgerechnet die Affen?").

 ICH, ES, Beobachter und Akteur  verhalten sich im Grunde entgegengesetzt: Wenn das ICH den Fokus erweitert, wird das ES ihn im nächsten Reaktionsschritt verengen und umgekehrt. Erweitert der Beobachter den Fokus, wird der Akteur ihn verengen und umgekehrt. Entscheidet sich das ICH für ein Thema, wählt das ES eine Ebene und umgekehrt. Ebenso wird der Akteur eine Ebene wählen, wenn sich der Beobachter vorher für eine Thema entschieden hat und umgekehrt. Generiert das ES Handlungsoptionen, vollbringt das ICH eine Selektionsleistung zwischen den Optionen und umgekehrt. Reflektiert das ICH während einer Erlebenssequenz (Wahrnehmung der unmittelbaren Vergangenheit), projiziert das ES in die unmittelbare Zukunft und umgekehrt. Grundsätzlich kann keine dieser Subfunktionen ein eigenes vordergründig aktives Wahrnehmungsfeld erzeugen! Sie gestalten vielmehr das "Zimmer des Vormieters" um und drücken sich in diesem in der Zeit voranschreitenden gemeinsamen Wahrnehmungsfeld die Klinke in die Hand. Wie wir sehen werden gibt es aber durchaus parallele Wahrnehmungsfelder.

Das Driften zwischen Themen und Ebenen, die Erweiterung und Verengung des Wahrnehmungs-Fokus sowie die abwechselnde Dominanz von "ES"- oder "ICH"-Aktivität bzw. die abwechselnde Dominanz von Beobachter und Akteur erfolgen oszillierend, d.h. das System pendelt gesetzmäßig zwischen diesen Funktionsmustern. 

 

BOTTUM UP und DROP DOWN

Ein weiterer wesentlicher Effekt im Zusammenspiel dieser Subfunktionen besteht im Wechsel zwischen aufsteigenden und absteigenden Perspektiven der Wahrnehmung! Unter Bottom up versteht man den Wechsel in eine übergeordnete, unter drop down jenen in eine untergeordnete Ebene. Dies geschieht im Prinzip bei jeder Erweiterung/Verengung des Fokus und bei jedem Themen- und Ebenenwechsel. Es ist im Prinzip dasselbe wie wenn ich mich an meinem PC vom Windows-Desktop in irgendwelche Programme und Dateien runterklicke und sie wieder schließe. Hierbei gilt folgender Sachverhalt: Die "passiven" Bewusstseinskräfte (ES und BEOBACHTER) tendieren grundsätzlich dazu, den Fokus zu erweitern und Meta-Ebenen der Wahrnehmung zu erzeugen (innerhalb derer das Subjekt im Kontext zu seinen Zuständen und Handlungen repräsentiert wird). Die "aktiven Bewusstseinskräfte" (ICH und AKTEUR) tendieren grundsätzlich dazu, den Fokus zu verengen und sich streng innerhalb einer spezifischen Ebene mit Inhalten und Themen zu befassen.

 

SUBPARALLELE WAHRNEHMUNGSFELDER

Während ich den o.g. Schulfreund sehe, mich dazu entschließe ihn anzusprechen und dann mit ihm über seine Frau oder sein Auto rede, ist mir bewusst, dass ich eigentlich was anderes tun wollte (einkaufen) und durch das Gespräch Zeit verloren geht. Es existiert also eine "erweiterte" Beobachter-Perspektive, innerhalb der ich "mich selber" in einer Aktion wahrnehme und die Zweckmäßigkeit dieser Aktion hinterfrage. Auf einer tieferen Wahrnehmungsebene bin ich bereits (als Akteur) dabei, mir innerhalb der bereits gewählten und eingetretenen Situation (die begonnene Unterhaltung mit dem Schulfreund) ein (Gesprächs)Thema zu suchen. Die Prozesse überlagern sich also.

 

ICH - IDENTIFIKATION
IM ZUSAMMENSPIEL PROJIZIERENDER UND REFLEKTIERENDER WAHRNEHMUNGSFELDER

Bin Ich eigentlich derjenige, der ein Thema auswählt oder sich vorgeben lässt, bin Ich derjenige, dessen Wahrnehmung zwischen verschiedenen Themen oder Ebenen pendelt oder bin ich derjenige, der ein Thema oder die Ebene wechselt? Bin ich alles gleichzeitig oder nacheinander?

 In der bewussten Erinnerung oder der unbewussten Reflektion kann ich mich mit mehreren zeitlich aufeinander erfolgten Erlebens-Sequenzen und Subfunktionen identifizieren. Ich könnte sagen: "Ich ging zum Einkaufen, traf dabei einen Schulfreund, unterhielt mich mit ihm über seine Frau und sein Auto, etc. In der kognitiven, zeitlich vorwärts gerichteten Auseinandersetzung mit einer Erlebens-Situation kann ich hingegen nur punktuell präsent und nur mit einer einzelnen Subfunktion (Ich, Es, Beobachter, Akteur) "identisch" sein.

 Dabei ist die Menge und Stärke der reflektierenden Prozesse immer stärker als jene der kognitiven bzw. projizierenden. Ich kann in einem gewissen Grad "passiv wahrnehmen", also Eindrücke erleben, die ich nicht kognitiv weiterverarbeite. Ich kann aber unmöglich irgendwelche gedanklichen Assoziationen vollbringen, ohne mir nicht zwangsläufig deren Präsenz und der eigenen Verwobenheit in die betreffende Situation bewusst zu sein.

Der wesentliche Aspekt des ICH-Erlebens besteht in der Selbst-Identifikation von Wahrnehmungs- und Erlebensprozessen. Die Existenz der o.g. Subfunktionen (Ich, Es, Beobachter und Akteur) resultiert aus einer besonderen zeitlichen Taktung des Bewusstseins. Die Subfunktionen bedingen sich gegenseitig.

 

ZEITDEFINITION DES BEWUSSTEN ERLEBENS

Im bewussten Erleben operiere ich mit den Begriffen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Gegenwart ist eine im Grunde imaginäre Zeit. All meine Gedanken, Emotionen und sonstigen Wahrnehmungen beziehen sich entweder auf die Vergangenheit (Erinnerungen) oder die Zukunft (Pläne, Entscheidungen). Beim bewussten Erinnern unterteile ich meine Biographie in irgendwelche zeitlichen Szenen, Episoden und Kapitel.

Folgende Zeichnung soll dies verdeutlichen:

Die Buchstaben in der oberen Zeile stehen für ein "Kapitel" der Vergangenheit, welche sich vornehmlich durch äußere Bedingungen oder Begebenheiten definieren. Die unteren Zahlen stehen für Zustände und Erlebnisse des Subjektes, die während der äußeren Rahmenbedingungen vorherrschend waren oder mit denen sich das Subjekt rückwirkend identifiziert.


Abb. 29: Erinnerungen

A könnte meine Kleinkindzeit, B, C, D, E für meine Kindergarten- Grundschul- Schul- und Lehrzeit stehen. Die untenstehenden Zahlen entsprechen analog meinen Selbstdefinitionen, die mit den äußeren Ereignissen korrelieren. 1 war der Zeitraum, als ich nachts noch gelegentlich bei den Eltern schlief (korrelierend mit Kleinkindzeit), 2 war der Zeitraum, in dem ich mich u.a. vor Hunden fürchtete (korrelierend mit Grundschulzeit).

Ich kann meine biografische Vergangenheit auch nach anderen Kriterien ordnen, etwa nach Zeiträumen, in denen ich krank oder verliebt war. Natürlich verspachteln sich auch Kapitel der Vergangenheit. Der rote Balken über den Buchstaben B und C im unteren Zeitstrahl könnte eine Erkrankung markieren, die sich jeweils anteilsmäßig über meine Kindergarten- und Grundschulzeit erstreckt hat. Oder ein etwas erweitertes Beispiel: "Ich bekam einen gelben Bagger geschenkt, als mein Vater Schützenkönig war. Mein Vater war Schützenkönig, als ich die Masern hatte. Ich hatte die Masern, als ich in der Grundschule war."


Abb. 30: sich überlagernde Erinnerungen

Der Zeitstrahl könnte aber auch für eine sehr kurzfristige Vergangenheit stehen, etwa der letzten Woche, den vergangenen Tag oder die vergangene Stunde. 1 und 2 könnten im letztgenannten Fall für die zeitlichen Momente stehen, in denen ich meinen Kaffee umgerührt und Milch nachgegossen habe. Ich habe also immer irgendwelche "Hauptkapitel" oder "Leitthemen" unter denen ich anderweitige Ereignisse zeitlich und inhaltlich zuordne. Will ich mich daran erinnern wann mein Kollege heute angerufen hat, könnte ich z.B. sagen:" Er rief an, als ich gerade dabei war Kaffee zu trinken".

Die Vergangenheit an sich ist unveränderlich (im Gegensatz zu den Erinnerungen, die sich mitunter verfälschen) und sie kann aus einer aktuellen Perspektive unter X-beliebigen Aspekten in thematische Kapitel unterteilt werden. Meine Selbst-Definition in der Gegenwart ist komplizierter. Ich identifiziere mich i.d.R. mit einer vordergründigen Wahrnehmung oder Aktivität. Ich bin derjenige, der jetzt Auto fährt, jetzt Radio hört, jetzt arbeitet, der sich jetzt langweilt oder der jetzt nicht so recht weiß, was er tun soll. Normalerweise verzichte ich aber auf bewusste Selbst-Definitionen sondern identifiziere mich einfach nur unwissentlich und unbewusst mit den Erlebensinhalten, die gerade vorherrschen. Besser gesagt, mit den geistigen Regungen die gerade vorherrschen. Zumeist bewegt mich eine nachfolgende Geistesregung, ein nachfolgender Impuls und nur selten meine willentliche Entscheidung dazu, mich gedanklich oder in Bezug auf meine aktuelle Tätigkeit neu auszurichten (d.h. ich denke mir z.B. nicht bewusst: "Jetzt höre ich damit auf den Kaffee umzurühren").

 

ZEITDEFINITIONEN IM  ECHTZEIT - ERLEBEN

Meine Handlungen sind das Resultat meiner Geistesregungen und meiner inneren Auseinandersetzung mit jenen Geistesregungen in höheren Bewusstseins-Ebenen (Selbst-Reflexion). Aber woraus resultieren meine Geistesregungen? 

Die neuronalen Prozesse, die u.a. meine Selbstwahrnehmung erzeugen bzw. zu meiner Selbst-Identifikation führen, unterteilen sich u.a. in projizierende (zukunftsbezogene - i.d.R. planende und entscheidende) und reflektierende (vergangenheitsbezogene - i.d.R. erinnernde und bewertende) Prozesse.

 Reflektierende Wahrnehmungsprozesse sind jene, die verschiedene Inhalte zu Einheiten bündeln (etwa wenn ich verschiedene Erinnerungen unter "Grundschulzeit" kategorisiere). Sie sind zwangsläufig in die Vergangenheit gerichtet. Ferner ordnen sie Inhalte chronologisch hintereinander an (auf die Grundschulzeit folgen die weiteren schulischen Lebensabschnitte).

Abb.31: Reflektierende Prozesse ordnen Inhalte zeitlich nacheinander

     

Abb.32,33: Reflektierende Prozesse bündeln Inhalte zu größeren Informationseinheiten

Im Fall der bewussten Erinnerungen sind es also irgendwelche vergangenen Szenen, Episoden und Kapitel (wie "Schulzeit" oder "Kindheit") unter denen ich das Wissen um meine eigene Vergangenheit organisiere.

 

Projizierende Prozesse sind in die Zukunft gerichtet. Sie lösen Inhalte aus übergeordneten Strukturen und Kontexten (Ebenen) heraus, selektieren, entscheiden. Im Maßstab des bewussten Erlebens handelt es sich vornehmlich um Entscheidungsprozesse ("Was nehme ich alles mit in den Urlaub?"). Ferner stellen projizierende Prozesse verschiedene Inhalte zeitlich nebeneinander.

Abb.34: Projizierende Prozesse stellen Inhalte zeitlich nebeneinander.

 

Abb.35,36: Projizierende Prozesse lösen Informationen grundsätzlich aus übergeordneten Kontexten heraus

 

Mit Gleichzeitigkeit ist in diesem Fall nicht gemeint, dass mehrere, von einem projizierenden Wahrnehmungsprozess erzeugte Inhalte nicht ebenfalls in einer bestimmten zeitlichen Reihenfolge erscheinen würden. Sie koexistieren jedoch nach ihrer Generierung eine zeitlang nebeneinander. Auch definiert sich ein Prozess nicht anhand der Inhalte auf die er sich bezieht! Eine angestrengte Erinnerung ("Wer war vor drei Jahren alles auf meiner Party?") entspricht einer kognitiven, in der Realzeit vorwärts gerichteten projizierenden Kognitionsleistung, bei der Inhalte erzeugt, intensiv analysiert und gegeneinander aufgewogen werden (obwohl sich die Inhalte auf die Vergangenheit beziehen). Eine "passive" Erinnerung, also ein entspanntes Revue- passieren lassen einer zeitlich zurückliegenden Episode jenseits kognitiver Anstrengung hingegen entspricht einem reflektierenden Prozess: Sowohl der Prozess an sich als auch die in ihm erscheinenden Inhalte sind zeitlich rückwärts gerichtet, da der Prozess seinerseits nur der Aspekt einer insgesamt zeitlich vorwärts erfolgenden Erlebens-Sequenz ist. Dieser Prozess dehnt sich natürlich auch zeitlich in die Zukunft aus, wird aber innerhalb der Gesamt-Erlebens-Situation (der Wahrnehmung der Umwelt) relativ als Vergangenheit wahrgenommen, da der Schwerpunkt des ICH-Erlebens nicht auf ihm lastet.

 

Nachfolgende Zeichnung soll die mikroskopisch kurzen Zeittaktungen der neuronalen Prozesse symbolisieren, die u.a. das ICH-Bewusstsein erzeugen. Die Buchstaben der oberen Reihe sind wieder mit zeitlich aufeinander folgenden (äußeren ) Ereignissen identisch. Die Zahlen der unteren Reihe stehen für korrelierende mentale Zustände. Wir befinden uns aber wie gesagt nicht im Bereich des bewussten Erlebens, sondern in den kleinen Zeitfenstern neuronaler Prozesse.


Abb.37: Mikroskopische Zeitgliederung neuronaler Prozesse

1 und 3 stehen für reflektierende und projizierende Aktivität, 2 für Gegenwartsempfinden. In sämtlichen aufeinander folgenden Sequenzen passieren dieselben neuronalen Funktionen, die sich nur in ihrer relativen Stärke unterscheiden. Die Abfolge einer höheren Zahl an Sequenzen kann für das Subjekt hingegen wieder auf der Ebene des bewussten Erlebens den Status einer bewussten Erinnerung bzw. Vergangenheits- Erfahrung haben.

Sämtliche Sequenzen sind im übrigen zeitlich identisch lang (während durch Erinnerung definierte Episoden der Vergangenheit unterschiedlich lang sind).


Abb. 38: Mehrere Mikro-Ereignissen werden zu einer bewussten Vergangenheits-Erfahrung.

Ein Mikro-Zeitfenster in Einzelsequenzen zu unterteilen und anhand irgendwelcher Kriterien zwischen noch kleineren Sequenzen zu differenzieren, funktioniert nicht! Fällt hier der reflektierende oder projizierende Teil weg, bricht auch die Selbst-Repräsentation des Subjekts und das aus seiner individuellen Perspektive heraus erfolgende Erleben der Außenwelt zusammen. Das wäre etwa so als wolle man versuchen, eine Welle im Ozean physikalisch in Wellenkamm und Wellental zu trennen. Die reflektierende Kraft bündelt hier eine Mikro-Abfolge verschiedener Sub-Funktionen zu einer selbst identifizierenden Komponente im Erleben des Subjekts, die projizierende Kraft hingegen ermächtigt eine einzelne dieser Subfunktionen zu eigenständigem Handeln, zu einer aktiven Auseinandersetzung mit Wahrnehmungsinhalten der Außenwelt (Themen/Ebenenwechsel oder Fokuserweiterung bzw. -eingrenzung). Die geschilderten mentalen Subfunktionen repräsentieren sich also in erster Linie gegenseitig. Erst in zweiter Kategorie bilden sie Inhalte der Außenwelt ab, die je nach Art und den Umständen des Erlebens von allen oder nur von einzelnen Subfunktionen wahrgenommen bzw. von allen oder einzelnen Subfunktionen als verschieden bzw. als gleichartig wahrgenommen werden. Wichtig ist hierbei zu wissen, dass hier die Zeit-Definitionen des makroskopischen Erlebens nicht mehr greifen! Reflektierende Prozesse sind nicht mehr zwingend in die Vergangenheit, projizierende Prozesse nicht mehr zwingend in die Zukunft gerichtet!

Aus einer reflektierenden Perspektive heraus können sich gegensätzlich "verhaltende" Inhalte zu einer Einheit verschmelzen. Ein einfaches Beispiel: Während eines Stadtbummels verändert sich die Deutlichkeit oder der Kontrast verschiedener Einzelwahrnehmungen: Den roten Schirm eines Passanten nehme ich zunehmend deutlicher, eine Radfahrerin hingegen verschwommener wahr. Das Hirn könnte sich weigern ein übergeordnetes (abstraktes) Meta-Konzept für die Situation (denkbarer Titel: "Einkaufsbummel") zu bilden, mit der Begründung, dass sich innerhalb eines geschlossenen Ereignisses alle Inhalte gleich verhalten müssten.

 

ÜBERLAGERUNG VON ZEITFENSTERN

  ICH (oder der AKTEUR) will gerade einkaufen und denke über meine Liste nach. ES (oder der BEOBACHTER) - im selben Augenblick zwar schwächer aber im Unterbewusstsein ebenfalls aktiv - bringt mir in Erinnerung, dass ich nur noch 30 Minuten Zeit habe, um den letzten Linienbus nach Hause zu erreichen und ich zu diesem Zweck den aktuellen Plan verwerfen oder zeitlich verschieben muss. Also hat ein hintergründiger Prozess eine simulierte zukünftige Perspektive eingenommen und aus derselben heraus eine in die Vergangenheit gerichtete Projektionsleistung vollbracht!

Fazit: Geistige Prozesse mit denen wir uns im Allgemeinen identifizieren und somit auch unser ICH sind keine "Dinge" oder "Objekte"! Sie sind das virtuelle Ergebnis von "Berechnungen" (Projektionen und Reflektionen) anderweitiger Prozesse. Sie können nicht als selbstbezügliche "Dinge", sondern nur in ihrer relativen Bedeutung innerhalb unsäglich komplexer und rückkoppelnder Informationsschleifen verstanden werden.

 

SICH WECHSELSEITIG REPRÄSENTIERENDE WAHRNEHMUNGSFELDER

 

Ich unternehme einen kleinen Versuch, die Aussagen der letzten Absätze näher zu falsifizieren: Durch die sich überlagernden Bewusstseinsschichten und die Sub-Funktionen des ICH`s wird ein Kompromiss für die Problematik gefunden, ob sich ein Individuum intensiver mit einer aktuellen Situation auseinandersetzen, oder in seiner Wahrnehmung bereits eine neue Situation generieren soll. Das bewusste ICH hat die Freiheit, über die Vergangenheit zu reflektieren, sich zu erinnern und auch die vermeintliche Gegenwart intensiv zu erleben. Die hintergründigen Funktionen des Bewusstseins sorgen aber für die kontinuierliche Generierung neuer, zeitlich getakteter Erlebens-Sequenzen in welche auch die Ich-Repräsentation platziert wird.

Dabei ist wichtig zu wissen: Das Hirn definiert "Situationen" nach strikt zeitlichen Kriterien. Die diskreten Zeitfenster innerhalb sich Perspektiven abwechseln und überlagern bzw. reflektierende und projizierende Dominanzen vorherrschen sind zum Einen sehr kurz, zum Andern allesamt identisch lang. Auf bewusster Ebene des Erelebens hingegen definiere ich Situationen anhand inhaltlicher Kriterien in Abhängigkeit der jeweils vorherrschender Umstände.

Die Spezialität des menschlichen Hirns besteht darin, komplexe Perspektiven zu erzeugen. Sagen wir mal ICH bin mit irgendeiner Aufgabe innerhalb irgendeiner Erlebens-Situation beschäftigt. Das Hirn erzeugt nun ein Abbild vom eigenen ICH im Kontext zur vorherrschenden Aufgabe. Diese neue Wahrnehmungsfeld entstand also zeitlich später und befindet sich relativ zur augenblicklichen und vordergründigen Perspektive des primären Erlebens in der Vergangenheit. Dieses neue Wahrnehmungsfeld generiert nun seinerseits eine weiteres Feld, in das es eine Prognose über den Zustand des ICH`s in der unmittelbaren Zukunft hineinprojiziert. Dieses dritte Wahrnehmungsfeld ist also noch später entstanden, sein Inhalt allerdings bezieht sich auf die Zukunft der zuerst da gewesenen Perspektive. Diese verschiedenen Wahrnehmungsfelder können von verschiedenen Sub-Funktionen des ICH`s besetzt werden (Ich, Es, Beobachter, Akteur).

Wir können uns das folgendermaßen vorstellen: Ich werfe drei Steine in einen Teich. Auf der Wasseroberfläche breiten sich nun also drei Kreise nacheinander von einem gemeinsamen Zentrum aus.


Abb.39: Nacheinander entstehende Wahrnehmungsfelder.

Der zweite Kreis dehnt sich aber schneller aus als der erste und der dritte dehnt sich schneller aus als der zweite.


Abb.40: Expansion der Felder in verschiedenen Geschwindigkeiten

Es kommt zu einem Überholvorgang. Wenn also sagen wir mal das ES seine Projektion über die Zukunft des ICH`s erstellt hat, verlieren die Wahrnehmungsfelder ihre augenblickliche Identität! Das ICH springt nun in die Projektion des ES hinein und wird mit dieser identisch! Für einen minimal kurzen Zeitpunkt verschmilzt alles zu einem einzigen Wahrnehmungsfeld.


Abb. 41: "Überholung" und "Verschmelzung" von Wahrnehmungsfeldern

 Anschließend bilden sich wieder zwei weitere Felder aus, etc, etc. Die Definitionen zwischen Wahrnehmungsfeldern und deren Inhalten sind also relativer Natur! Sie sind fließend, durchlässig. Ebenso ihre Zeitfenster: Sämtliche Wahrnehmungsfelder arbeiten für sich genommen in einer "Echtzeit", einer jeweiligen Gegenwart. Relativ zueinander jedoch befinden sich sich in die Vergangenheit oder Zukunft versetzt.

Wird die Identität des momentanen ICH`s durch eine zeitlich vorausgreifende Prognose über das ICH ersetzt, bedeutet dies nicht, dass damit die Wahrnehmungs- und Handlungsmöglichkeiten des erloschenen ICH`s vernichtet wären- sie können auch aus einer veränderten Situation heraus wieder eintreten. Die "Fehler" und "Irrtümer" die das Hirn durch den schnellen Perspektiven-Wechsel sicher erleidet, werden durch eine ebenso schnelle und zeitlich getaktete Einspeisung von Echtzeit-Wahrnehmungsinhalten teilweise wieder ausgebügelt.

 

ALTERNATIVE VORSTELLUNG:

Anstatt der nacheinander entstehenden und sich dann "überholenden" Wahrnehmungsfelder könnte man auch folgenden Sachverhalt in Erwägung ziehen: Im Hirn ko-existieren mglw. latent mehrere hierarchisch hoch positionierte Wahrnehmungsfelder mit überregionaler Funktion, die zeitlich minimal nebeneinander versetzt sind. In diese Felder strömen unentwegt über das vegetative Nervensystem Informationen über Körper- und Organzustände (Propio-und Viszerozeption), über den sensorischen Cortex ein aktuelles Körper-Abbild (generiert durch Drucksensoren auf Hautoberfläche, Gelenken und Muskeln) sowie Umweltinformationen über die Sinnesorgane und das Gleichgewichtsorgan im Mittelohr. Im Fluss der Zeit bilden sich in jedem dieser primär körperbezogenen Repräsentationen die vier oben angesprochenen System-Grundperspektiven aus und fallen dann wieder in sich zusammen, so dass immer mindestens ein Wahrnehmungsfeld alle vier Perspektiven vereint und mindestens eines nur die reine Existenz-Empfindung beinhaltet.

Abb.42: Parallele Wahrnehmungsfelder

Jede einzelne dieser Repräsentationen betreibt also sowohl eine autonome Auseinandersetzung mit der Umwelt (über Sinnesorgane oder Gedächtnisspeicher) als auch einen Informationsaustausch mit den jeweils Anderen.

Die Körper- und Umweltinformationen werden zeitlich nacheinander eingespeist. Die vier Felder erhalten ihren Input also zu aus externer Sicht 4 verschiedenen Zeitpunkten. Jedes Feld hat allerdings seine eigene jeweilige Gegenwart. Für das vierte Feld entspricht der zuletzt Empfangene Input (t4) genauso der Gegenwart (t1) wie für Feld eins, das zuerst mit Informationen versorgt wurde. Real hat der Informationsinput t4 einen anderen Inhalt als t1, weil er zwischenzeitlich eingetretene Veränderungen von "Dingen" und Körperzuständen beinhaltet.

 

Abb.43: Vier verschiedene Zeitpunkte werden zu vier lokalen Gegenwarten

Die Rückkopplungen mit den anderen Feldern hingegen entsprechen aus der lokalen Perspektive jedes einzelnen Feldes einer Vergangenheit oder Zukunft, ggf. auch einer potenzierten Vergangenheit, wenn die Rückkopplung über mehrere Felder hinweg erfolgt.

 Durch die Repräsentation eines Feldes innerhalb eines anderen Wahrnehmungsfeldes entsteht eine neue Perspektive, im hier postulierten Szenario also können sich aufsteigend sämtliche vier der am Anfang dieser Abhandlung dargestellten (Grund)perspektiven innerhalb eines Feldes aufsummieren. Dies geschieht wie gesagt durch die Repräsentation eines Feldes innerhalb eines anderen Feldes, ohne dass dieser Prozess die Präsenz und Aktivität des realen (der Repräsentation zugrunde liegenden) Feldes neutralisieren würde.

Abb.44: Felder repräsentieren Felder

Ein augenblicklich funktional gering komplexes Wahrnehmungsfeld (in dem nur die unterste der möglichen Perspektiven aktiv ist) kann Informationen wie sie der augenblicklich hoch komplexe Protagonist (mit vier aktiven Perspektiven) verarbeitet momentan nicht selber generieren und beinhaltet allein die reine Existenzempfindung. Informationen die in mehreren Feldern gleichzeitig repräsentiert werden, erlöschen nicht im Falle ihres Verschwindens aus einem einzelnen Feld. Sie verändern in diesem Fall allenfalls ihren Zustand. Eine Information die hingegen in nur einem Feld repräsentiert wird, erlischt viel leichter.

Dieses Modell würde auch das "Meditations-Problem" erklären: Es ist kaum möglich, sich von ständig neuen Eindrücken und Wahrnehmungen abzukoppeln, selbst wenn man möglichst alle äußeren Reize ausschließt und sich darum bemüht, an nichts zu denken. Indem identische Reize in immerzu anderen Feldern, in anderen Zeitrelationen und aus anderweitigen Perspektiven verarbeitet werden, existieren keine unveränderlichen Inhalte! Auch in der Repräsentation eines "gleich bleibenden" Inputs ergeben sich minimale Unterschiede, die von anderen reflektierenden Prozessen als solche registriert und dem Bewusstsein gemeldet werden.

 Durch die ständigen Rückkopplungen dieser Felder entsteht auf bewusster Ebene des Erlebens das "große Missverständnis" einer eigenen Identität! Ein vorrangig körperbezogenes, kohärentes Informationsbündel wird über mehrere solcher Felder und Perspektiven hindurch transformiert, interagiert mit Umweltreizen und Gedächtnis-Speicher, entdeckt sich selbst im multiplen Wechselspiel aus Reflexionen und Projektionen und entwickelt eine Identität. Familiäre Bezugspersonen bestätigen das Identitätsempfinden der sich im Kleinkindalter entwickelnden Persönlichkeit durch Initiierung der ersten autobiographischen Erinnerungen. Das kulturelle Umfeld forciert die Identitätsvorstellung durch Religion und den Glauben an eine vermeintlich unsterbliche Seele.

 

 Durch die sich überlappenden Wahrnehmungsfelder kann eine Erinnerung aus einer (virtuellen) Zukunft erfolgen und in eine "reale" Gegenwart hineinreichen.

Mein Ich-Bewusstsein, meine Selbst-Identifikation  kann aus 3 "Zeitrichtungen" heraus reflexiv "bestätigt" werden:

Aus der Vergangenheit würde die semantische Übersetzung dieses Impulses lauten:

 "Ich bin derjenige, der sich gerade an dieses ... erinnert".

Aus der Gegenwart: "Ich bin derjenige, der sich gerade soundso fühlt (Körperzustandsempfindungen)".

Aus der Zukunft: "Ich bin derjenige, der gerade dieses oder jenes plant oder entscheidet".

 

Und wie gesagt: Wir sprechen nicht von einer objektiv wirklichen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, sondern von projizierenden und reflektierenden Wahrnehmungsfeldern.

Zwei dieser "Zeitrichtungspfade" sind immer reflektierend und "fixieren" die ICH-Repräsentation.

Eine dieser Richtungen hingegen ist immer "offen" und entspricht der kognitiven Expansionsrichtung des ICH`s, einem angebahnten Pfad, in den sich die nächsten Gedanken und Assoziationen des ICH`s hineinbewegen werden.

 

5.  DAS  STABILE  ICH

    DIE  KOHÄRENZ  DES  ICH´S

Das ICH ist die "wahrste" Information!  Wann ist eine Information "wahr"? - Wenn sie kontextunabhängig und absolut selbstbezüglich ist! Gibt es absolut selbstbezügliche und kontextunabhängige Dinge? Nein! Alles auf der Welt ist relativ! Alles unterliegt einem Wandel und erfährt Veränderungen. Schauen wir uns mal die Alpen an: In ein paar Millionen Jahren gibt es u.U. keine Menschen mehr auf der Erde und dann sind es eben nur noch Berge, weil kein Wesen ihnen weiterhin einen Namen gibt. In einer bestimmten Anzahl an Milliarden (oder wieviel auch immer) Jahren sind es auch keine Berge mehr! Irgendwann werden sich die Eurasische und Amerikanische Kontinentalplatte im Bereich des Nordpols untereinander schieben und gegenseitig ins Erdinnere verdrängen, während von der Antarktis her neue Landmassen aus dem Erdinnern hervorbrechen und neue Kontinente formen. In 50 Milliarden Jahren oder so ähnlich wird die Sonne auch keine Sonne mehr sein, dann ist sie nämlich explodiert, implodiert oder was auch immer genau mit ihr geschehen wird. Alles ist nur "relativ wahr".

Aktualität erzeugt Wahrheit

Das ICH ist die aktuellste Information über die das System verfügt! Und zwar nicht nur infolge der Direktheit und Aktualität der Körpererfahrungen, sondern aus der Tatsache, dass die ICH-Generierung niemals einen vollendeten IST-Zustand erreicht! 

Das wesentlichste Merkmal am ICH ist also jener, dass das Hirn mit der Generierung dieser Information nie fertig wird (bis wir sterben - dann ist die ICH-Generierung aber ebenfalls nicht fertig, sondern beendet im Sinne von abgebrochen!). Es gibt kein vollendetes sondern immerfort nur ein sich generierendes ICH!

Eine sich ständig generierende Information kann mangels vollendeter Ausprägung und fester Kerneigenschaften auch nur eingeschränkt durch den Kontext zu anderweitigen Informationen relativiert und in ihrer Natur verändert werden (das gilt natürlich nicht für den semantischen Gehalt unseres kognitiven Selbst-Konzepts, sondern für den Prozess des Selbst-Erlebens)!

 

Eine Welle auf dem See besteht aus einem Wellenkamm sowie aus jeweils einem räumlich vorgelagerten bzw. anschließenden Tal. Das erste Tal könnte man als die Entstehungsphase, den Kamm als den Ereignishöhepunkt und das zweite Tal als das Erlöschen des Wellen-Ereignisses betrachten.

 

Ich kann zwar die einzelnen Segmente als solche unterscheiden, eine physikalische Trennung aber ist nicht möglich. Die Komponenten bilden eine Einheit.

 

Verlässt die Welle eine bestimmte räumliche Position, ist das Ereignis zwar an dieser Raumposition zu Ende, aber nicht als selbstbezügliches Ereignis.

Natürlich gibt es auch für eine Welle einen "absoluten" Beginn und ein "totales" Ende. So wie eine Welle schleichend entstehen und verebben kann, so erwacht auch das menschliche Bewusstsein (seine verschiedenen Ebenen und Ausprägungsgrade) sukzessive im Gehirn des Kleinkindes. Und auch das Bewusstsein kann sich im Hirn des alternden Greisen schrittweise zurückbilden und u.U. vor dem Tod des Körpers sogar weitgehend verschwinden (die höheren Ebenen).

 

Die "Vorwärtsbewegung" des Ichs auf der Zeitachse geschieht durch die darwinistische Realisierung einer konkreten Möglichkeit gegenüber einer Vielzahl an denkbaren alternativer Möglichkeiten! Das Ich ist in gewissem Maße identisch mit diesem Realisierungsprozeß. Ich möchte dies an folgendem Beispiel verdeutlichen. Ich kann jetzt in den Keller gehen und eine Flasche Bier holen. Ich kann auch in den Keller gehen, eine Flasche Bier holen und dabei gleichzeitig spanische Vokabeln auf dem MP3-Player anhören. Diese Aktivitäten schließen sich nicht aus! Wenn ICH aber derjenige bin, der jetzt gerade Bier aus dem Keller holt, dann kann ICH nicht derjenige sein, der Bier jetzt aus dem Keller holt und dabei MP3 anhört! Derjenige der beides tut hätte ICH vorher noch sein können,  jetzt aber nicht mehr, später hingegen schon wieder!

Fest steht nur, dass ein realisierter Zustand anderweitige (ggf. nicht weniger wahrscheinliche) Varianten unterdrückt bzw. ausschließt.

Was ich im nächsten Augenblick tue, ist zu einem gewissen Grad tatsächlich Zufall! Diese Zufälligkeit bedeutet aber nicht, dass meine Erlebens- und Entscheidungsfähigkeit ganz eng determiniert wäre! Der (darwinistische) Ausschluss eines bestimmten denkbaren Bewusstseinszustandes oder bestimmter denkbarer Erlebensinhalte bedeutet nicht den Ausschluss sämtlicher Inhalte und Folgeresultate, die sich aus diesem Zustand hätten ergeben können! Manche dieser denkbaren Folgezustände können auch unter anderen Bedingungen und auf anderen Wegen realisiert werden (ich kann z.B. über Dresden oder über Köln nach Hamburg gelangen). Ein eingetretener Bewusstseinszustand entspricht keinem "Endpunkt" einer Verzweigung! Er bildet vielmehr einen neuen Streukreis an prinzipiell denkbaren Folgezuständen. Die denkbaren Inhalte verschiedener Bewusstseinszustände überlappen sich natürlich auch.

Die prinzipielle "Kohärenz" des Ich-Bewusstseins möchte ich mit folgendem Vergleich erläutern: Wenn ich drei Würfel habe und mit einem Wurf 11 Zähler erreichen will, ist die Erfolgswahrscheinlichkeit ziemlich gering. Nur wenige der denkbaren Ergebnisse können genau diesen Wert erzeugen (z.B. zweimal die 5 und einmal die 1). Die Funktionalität des ICH- Bewusstseins resultiert aus einem Verhältnis an projizierenden und reflektierenden Kräften/Feldern. Die entsprechenden Bedingungen für diese Konstellation sind aber nicht punktuell fixiert! Es verhält sich etwa so, als müsste ich versuchen, mit den drei Würfeln eine Zahl zwischen 5 und 15 zu erreichen. Nun gibt es viel mehr passende als nicht passende Möglichkeiten!

 

SCHLUSSKOMMENTAR  ZUM  ICH

Es gibt kein "ICH" im Sinne eines fixen Persönlichkeitskerns, sondern nur eine "ICH-Repräsentation"! Es gibt kein Selbst, sondern "nur" eine Selbst-Bezüglichkeit. "ICH" selbst zu sein bedeutet, "mich" in einem bestimmten Augenblick mit einem konkreten neuronalen Prozess zu identifizieren. Besser gesagt: In einem kleinen projizierendem Zeitfenster eine Aktivität vorzunehmen und mich in einem größeren, reflektierenden Zeitfenster mit einer kurzen Abfolge an Aktivitäten zu identifizieren.

Ein Kupferdraht der Strom führt unterscheidet sich physikalisch in Nichts von einem der nicht unter Strom steht. Ebenso wenig unterscheidet sich ein (augenblicklich) bewusstseinsrelevanter neuronaler Prozess von einem "gewöhnlichen" neuronalen Prozess, nur dass er zum betreffenden Zeitpunkt in sehr komplexem Bezug zu anderweitigen Prozessen steht.

Wir wissen: Es existiert kein (räumlicher oder funktionaler) ICH-KERN im Gehirn! Es gibt eine Vielzahl an lokalen Wahrnehmungsfeldern und unsäglich komplexe Wechselwirkungen zwischen denselben. Es geht also darum, welche Informationen wo repräsentiert oder gespeichert sind und von wo aus auf welche Weise darauf ein Zugriff erfolgt. Befände ich mich in einem Fluss und triebe auf einen Wasserfall zu, wäre ich einem Ereignis ausgesetzt. Beobachtete ich den Wasserfall vom Ufer aus, entspräche er einem Objekt (auch wenn er an sich keinesfalls statisch ist). Ein lokales Wahrnehmungsfeld kann nicht nur den Informationsinhalt aus mehreren anderen Feldern abrufen, sondern ggf. auch den Prozess des Zugriffes zwischen anderen Feldern registrieren. Deshalb ist es wahrscheinlich auf makroskopischer Ebene auch möglich, mich selbst gleichzeitig im Kontext zu einer Situation wahrzunehmen, während ich zugleich innerhalb der Situation agiere. Bewusstsein ist gewissermaßen eine Illusion! Auf dem Desktop meines PC sind verschiedene Objekte "direkt" vorhanden: Das Icon für den Papierkorb, die geöffnete Word-Datei, der ebenfalls geöffnete Taschenrechner. Dem Anschein nach befindet sich alles auf einer Oberfläche (derselben Ebene). In Wirklichkeit befindet sich die Word-Datei am Ende eines sehr langen Laufwerks- und Ordnerpfades und wir nur auf derselben Oberfläche dargestellt. Im bewussten Erleben erachten wir sämtliche Inhalte als "direkt" präsent. Was wir aber als "gleichzeitig" empfinden, kann einer zeitlichen Reaktionskette entsprechen; was wir als statisch empfinden, kann einem Ereignis entsprechen; was wir als "jetzt" empfinden, kann einer Reflexion oder Projektion entsprechen, etc. Unser Selbst ist nicht direkt vorhanden, es wird von anderweitigen, für sich genommen nicht bewussten Feldern erzeugt aus deren Überlagerung unsere Selbst-Repräsentation hervorgeht.

6.  DAS  KRANKE  ICH:  SCHIZOPHRENIE

SCHIZOPHRENE BEWUSSTSEINSVERZERRUNGEN - WAS BEDEUTET DAS?

Psychotische Symptome sind die Folge einer relativen Entkopplung diverser Subfunktionen. Die Ich-Repräsentation folgt nicht mehr der zeitlichen Taktung des Hirns.

Das Gehirn definiert Situationen nach strikt zeitlichen Kriterien. Eine neue Erlebenssituation kann sich entweder stärker oder schwächer an den Strukturen (Inhalte, Themen) einer vorherigen Erlebenssituation ausrichten (wenn ich mich mit den bereits dort vorhandenen Inhalten weiterhin auseinandersetze) oder aber eine neue Trendrichtung ausbilden (wenn ich innerhalb der Situation neue Inhalte generiere, die mit jenen der Ausgangssituation nicht viel zu tun haben). Ehe ich eine Handlungsoption vollzogen habe (bewusst oder aus zufälligem Impuls), werden Inhalte der aktuellen Situation zeitlich parallel wahrgenommen, nach diesem Ereignis sind sie Vergangenheit, werden als zeitlich zurückliegende Szene empfunden und inhaltlich gebündelt.

Die Selbst- und die Objektrepräsentationen spielen sich dabei innerhalb mehrerer Wahrnehmungsfelder und der von ihnen generierten Perspektiven gleichzeitig ab. Da sich die Wahrnehmungsinhalte verschiedener Felder aber überschneiden und auch verschieden stark ausgeprägt sind, gibt es keinen zeitlichen Fixpunkt ab dem sich die Bedeutung eines Inhaltes überregional ändert. Einzelne Informationen erlöschen in manchen Feldern, während sich innerhalb anderer Felder (u.a. auch gerade durch deren lokales Erlöschen) lediglich ihr Zustand verändert. Die Kern- Ich-Empfindung ist dort, wo sich relativ gesehen die meisten reflektierenden Prozesse bündeln.

Bei psychotischer Symptomatik könnte es sein, dass ausselektierte Inhalte einer vergangenen Situation plötzlich wieder parallel zu primären Wahrnehmungsinhalten des Gegenwartserlebens repräsentiert werden. Grund dafür ist ein Missverhältnis zwischen reflektierenden und projizierenden Kräften, welches die korrekte zeitliche Positionierung des ICH`s in die neuen Erlebenssituationen behindern.

Daraus erfolgen folgende Phänomene:

Der Psychotiker hat z.B. nach einem zufälligen Handlungsimpuls die Empfindung, dieser Impuls wäre eine bewusste und konzentrierte Entscheidung gewesen. Er nimmt z.B. eine Zeitschrift zur Hand und wird von der Vorstellung geplagt, es könne eine Fehlentscheidung gewesen sein, die Konsequenzen nach sich zieht (so wie es sich im Rahmen einer bewussten Reiseplanung als nachteilig erweisen kann, Badezeug für einen Gebirgsausflug oder Wanderschuhe für einen Besuch im Thermalbad mitzunehmen).

Der Psychotiker kann die Zustände von Objekten als paradox empfinden, weil er sie innerhalb von Wertigkeitskategorien betrachtet, die weder mit der vorherrschenden äußeren Situation, noch mit seinen Intentionen irgendwas zu tun haben. Er könnte sich z.B. daran stören, dass die Bilder an der Wand aus seiner Position heraus nicht sichtbar wären, falls in der Mitte des Raumes ein Kühlschrank stehen würde. Es existiert aber kein Grund dafür, warum dort ein Kühlschrank stehen sollte oder müsste.

Auch kann er zu irgendwelchen Eindrücken über Objekte gelangen, die sich eigentlich nur unter der Voraussetzung einer im Vorfeld anderweitig verlaufenden Ereigniskette des Erlebens hätten ergeben können.

Begründung: Die wechselseitigen Repräsentationen über verschiedene Wahrnehmungsfelder und deren Perspektiven ist gestört. Schwerpunkte entstehen zu früh oder zu spät; Fragmente erlöschen zu langsam. Die Repräsentation eines einfachen Objektes in einem begrenzten (lokalen) und funktional gering komplexen Wahrnehmungsfeld verleiht dem Inhalt auch den Status eines Objekts. Nimmt ein komplexeres Wahrnehmungsfeld (das über mehrere Perspektiven verfügt) Zugriff auf zwei untergeordnete Felder in denen sich jeweils eine Repräsentation desselben Objektes befindet, entsteht dort der Eindruck eines fortschreitenden Ereignisses, weil geringe Abweichungen in den jeweiligen Repräsentationen (Zustände des Wahrnehmungsinhaltes) den Eindruck einer Veränderung des Objekts erzeugen. Ist also der Schwerpunkt des ICH-Erlebens zu einem konkreten Zeitpunkt zu de-fokussiert und räumlich (innerhalb der reflektierenden und projizierenden Felder) zu überregional, überlagern sich Eigenschaftskategorien von wahrgenommenen Inhalten auf paradoxe Weise. Das Hirn verlässt seine "normale" Zeittaktung und verwechselt "vergangene" und "gegenwärtige" Situationen.

Der psychotische Mensch erlebt die inneren Perspektiven-Wechsel seines Hirns fälschlicher Weise als Anteil seiner bewussten Aktivität. Dies führt zu Irritationen: Wann immer eine Subfunktion des ICH`s eine Veränderung an Inhalten, Ebenen oder am Fokus einleitet, besteht für diesen Menschen das Gefühl, er selbst hätte eine Entscheidung vollbracht bzw. wäre durch "Geisterhand" in diese Entscheidung geführt worden. Während ein "gesunder Mensch" einen neuen Geisteszustand als Ausgangspunkt neuer Gedanken und Wahrnehmungen erlebt, versucht der Psychotiker krampfhaft, sich auf alternative Bedeutungen von Wahrnehmungsinhalten zu besinnen. Das ist ungefähr so, als wenn ein Gesunder eine Entscheidung fällt, insgeheim aber an dieser Entscheidung zweifelt und deshalb ständig über die alternativen, jedoch verworfenen Möglichkeiten nachdenkt. Die Selbst-Repräsentation des Psychotikers wird nicht mehr adäquat in die Zukunft projiziert. Er verharrt unnatürlich lange in einer "alten" Situation, vertieft sich unendlich in deren Details und empfindet z.T. die eigenen mentalen Prozesse als spukhafte Phänomene. Mit einer "alten Situation" ist hier keine Erinnerung und keine bewusste Vergangenheits- Erfahrung auf Ebene des bewussten Erlebens gemeint, sondern eine unvollständige oder zeitlich gestörte Abfolge mentaler Grundperspektiven und eine dadurch verhinderte Integration von Wahrnehmungsinhalten.