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KAPITEL VI

 

DENKEN UND GEDANKEN

 

Gedanken sind die komplexesten Vorgänge in unserem Gehirn. Hier werden bei zumeist hoher Bewusstheit des Beobachters mitunter anspruchsvolle Analogien und Metaphern, Konzepte und Vorstellungen entwickelt, um irgendein abstraktes oder gegenständliches Problem zu lösen bzw. eine Entscheidung herbeizuführen.

VORAUSSETZUNGEN

Damit ich etwas wahrnehme, muss es die sog. Aufmerksamkeitsschwelle überwinden und sich aufgrund irgendwelcher Eigenschaften oder infolge der besonderen Umstände des Erlebens aus dem Milieu der Hintergrundwahrnehmungen herauslösen.

Damit etwas zur Ursache oder zum Gegenstand eines Gedankens wird, muss neben der Aufmerksamkeitsschwelle auch eine Relevanzschwelle überwunden werden. Das Gehirn ist ein großer Energiefresser (es beansprucht 25% des körperlichen Gesamt-Energiebedarfes). Deshalb werden auch mentale Prozesse "ökonomisiert", d.h. im Idealfall wird die größtmögliche Informationsmenge außerhalb bewusster Denkprozesse irgendwie verarbeitet.

Informationen müssen gewisse Voraussetzungen erfüllen, damit wir sie als "sinnvolle Einheiten" erleben und mit ihnen operieren können:

SPEZIFITÄT:
 "Etwas" muss sich infolge seiner Eigenschaften und Wirkungen genügend von anderweitigen "Dingen" differenzieren und hervorheben, um als eigenständiges oder selbstbezügliches Objekt wahrgenommen zu werden.

VOLLSTÄNDIGKEIT:
 Eine "banale" Information (etwa eine Objekt-Repräsentation) muss gewisse Mindesteigenschaften (in Bezug auf Menge und/oder Anordnung der sie bildenden Aspekte) aufweisen, um ihrer Natur gerecht zu werden. Ebenso müssen Beziehungen oder Zusammenhänge zwischen "Dingen" einen "geschlossenen Sinn" ergeben.

UNWIDERSPRÜCHLICHKEIT:
Innerhalb einer "sinnvollen Repräsentation" dürfen keine sehr widersprüchlichen Aspekte koexistieren. Die Darstellung eines kausalen Zusammenhanges (einer Beziehung) etwa muss einen klaren Ursache-Wirkung- Kontext beinhalten.

INTEGRITÄT:
Eine Information muss sich in das Gefüge der koexistenten Wahrnehmungsinhalte integrieren. Insbesondere muss sie sich auch in die Erlebens-Gesamtsituation des Beobachters integrieren.

 

RELATIVITÄT DER BEDINGUNGEN

Wann erfüllt eine Information die allgemeinen Voraussetzungen für "Sinngehalt"? Wann ist sie spezifisch oder vollständig genug? Ist ein Stuhl ohne Beine immer noch ein Stuhl, oder ist es keiner mehr weil er eine wesentliche Eigenschaft (nämlich jene das man sich darauf setzen kann) nicht mehr erfüllt? Wann ist eine Information "selbstbezüglich", wann existieren Abhängigkeiten zu anderen Informationen und wann muss sie in übergeordnete Kontexte integriert werden?

Sehen wir uns das folgende Bild eines  möblierten Raumes an.


Abb. 1: Möblierter Raum

 

Ein Beobachter könnte hierzu u.a. folgende Aussagen treffen:

"Das ist ein schönes Zimmer!"

"In diesem Wohnzimmer fehlen Couch und Fernseher!"

"In diesem Arbeitszimmer fehlt ein Schreibtisch!"

"In dieser Küche fehlen Kühlschrank und Herd!"

 

Die "Bedeutung" einer Information ergibt sich aus vielfältigen Ursachen, insbesondere natürlich aus der Intentionalität des Beobachters, welche ihrerseits sowohl "systeminterne" (sich innerhalb seiner Wahrnehmung und neuronalen Vorgängen befindlichen) als auch umweltbedingte Ursachen hat.

Insbesondere der Begriff der SELBST-VERSTÄNDLICHKEIT verdeutlicht die enorme Rolle der Intentionalität. Der Begriff der Intention ist hier nicht im Sinne einer (Handlungs)absicht zu verstehen! Die Intention bezeichnet vielmehr den Grad in dem ein Beobachter in eine äußere Situation "involviert" ist und bezieht sich weiterhin auf seine (individuellen) Wertigkeitskategorien.

SELBSTVERSTÄNDLICHKEIT
 "Selbstverständlich" hat nicht unweigerlich etwas mit verstehen oder Verständnis zu tun!!!
 Eine Kostprobe: Wie viele Knochen sind in einer menschlichen Hand, oder wie viele Sehnen und Muskeln? Wie funktioniert die Zündelektronik eines PKW - wie wäre es mit einer spontanen Bleistift-Skizze der Zündelektronik?!

Nun: Wir alle sehen und schütteln täglich Hände, ganz zu Schweigen davon wie oft wir unsere Eigenen gebrauchen! Die meisten von uns starten auch mehrmals täglich einen PKW durch einen "selbstverständlichen" Dreh am Zündschlüssel.


 Aber was verstehen wir denn wirklich von all den "SELBSTVERSTÄNDLICHKEITEN"?!

Selbstverständlichkeit entspricht primär einer Empfindung und weit weniger einem expliziten Wissen oder einem logischen Verständnis!

Unter gewissen Bedingungen sind Wahrnehmungen bzw. Informationen selbst-verständlich, u.a. wenn folgende Kriterien erfüllt sind:

- Übereinstimmung mit unbewusster  Erwartungshaltung

- subjektiv empfundene Vollständigkeit, Unwidersprüchlichkeit und Integrität einer Information

-spontane, reflexive Resonanz innerhalb der Wahrnehmung ohne den Impuls für kognitive Folgeaktionen

- spontane Zuordnung einer Information in eine Kategorie

- Impulsives Erahnen von Ebenen/Meta-Ebenen, innerhalb derer die prinzipielle Bedeutung der Information liegt.

 

Innerhalb einer oder zwei Bezugsebenen klinkt sich jede X-beliebige Information relativ spontan ein! Jedes Tier das ich sehe kategorisiere ich unbewusst in irgendeine grobschlächtige Kategorie (etwa Vogel, Insekt,..), ebenso jeden Menschen der mir begegnet (Schüler, Erwachsener, Busfahrer, Bauarbeiter,..).

Aber ich laufe ja nicht durchs Leben um möglichst viele Objekte zu identifizieren! Die Frage ist: Wer oder was stellt mir meine "inneren Aufgaben"? Wer oder was bestimmt wann ich mich für welche Dinge interessiere, mit welcher Motivation ich mich einer Sache zuwende, wie ich operativ mit ihr umgehe und wann ich wieder von ihr ablasse um mich irgendwelchen anderen Themen oder Beobachtungen geistig zuzuwenden? Was lässt mich wieder in einen passiven, desinteressierten Zustand gelangen in dem ich über fast gar nichts nachdenke?

 

URSACHEN VON GEDANKEN

Ich wiederhole: Damit eine Information oder ein Wahrnehmungsinhalt zum Gegenstand einer gedanklichen Auseinandersetzung wird, muss sie neben der allgemeinen (bewussten) Wahrnehmungsschwelle auch eine Relevanzschwelle überwinden und in eine "problematische" Konstellation zum Beobachter oder zu einer anderweitigen koexistenten Information innerhalb des Wahrnehmungsfeldes (der "Perspektive") des Beobachters geraten. Der betreffende Wahrnehmungsinhalt muss sich also im weitesten Sinne in einer "Problem-Konstellation" befinden. Dieses "Problem" kann die Beziehungen zwischen Objekten betreffen ("Wie kommt der Kugelschreiber in die Handtasche?"), die Beziehung zwischen wahrnehmendem Subjekt und Objekten ("Nehme ich den Haarföhn mit in den Urlaub?") oder zwischen Subjekt und der abstrakten Vorstellung von etwas anderem, etwa einer künftigen Situation ("Was mache ich nächstes Wochenende?").

Innerhalb eines Gedankenprozesses existieren also mindestens 2 Objekte (im Gegensatz zu einer "gewöhnlichen" Wahrnehmung die sich zumeist auf ein einzelnes vordergründiges Objekt bezieht) und ein "Konflikt" (im weitesten Sinne) zwischen denselben. Mitunter kann der "Konflikt" der einem "Objekt" anhängt eine Doppelrolle aufweisen, indem der semantische Inhalt des Konfliktes auch zugleich für das zweite Objekt steht.  Bei der Frage: "War Albert Einstein Atheist?" etwa ist diese Doppelfunktion von Objekt und Gegenstand des (gedanklichen) Problems ersichtlich.

 

GEDANKENPROZESSE INNERHALB UND ZWISCHEN BEZUGSEBENEN

Wahrnehmungs- und Gedankeninhalte können über verschiedene Ebenen hinweg miteinander in Verbindung stehen.

Hierzu ein kleines imaginäres Szenario:
Ein Schüler sitzt gerade vor einer Mathematik-Prüfungsarbeit und versucht eine Aufgabe zu lösen, die in Form einer imaginären Geschichte ("Textaufgabe") gestellt wird: Diese handelt von einem Schreinermeister der ein aus verschiedenen Materialien bestehendes Möbelstück für einen Kunden herstellen soll. Die Aufgabe besteht aus mehreren Teilaspekten: Es gilt, die Gesamt-Oberfläche des Objektes zu berechnen um die Kosten für eine Furnierung zu ermitteln. Ferner müssen die Gesamt-Herstellungskosten errechnet werden, die sich aus Materialwert (Gewichtsvolumen der verschiedenen Holzsorten), Arbeitslohn, Mehrwertsteuer, etc. ergeben. Schauen wir dem Schüler ein paar Augenblicke über die Schultern, genauer sogar in seinen Kopf. Seine Aufmerksamkeit kann sich natürlich direkt auf die bestehende Aufgabe konzentrieren. Er versucht sich in diesem Fall an die richtigen Volumen -und Flächenformeln zu erinnern, etc. Möglicherweise registriert er nebenbei oder zwischendurch auch den einen oder anderen Aspekt der ihn umgebenden räumlichen Situation. Er stellt vielleicht einen gedanklichen Bezug zwischen einem realen Schrank der sich im Raum befindet und jenem Objekt her, um das sich die theoretische Prüfungsaufgabe handelt. Vielleicht öffnet er in seiner inneren Perspektive auch eine Meta-Ebene, d.h. er macht - im übertragenen Sinne - einen Schritt hinter die augenblickliche Realsituation und befasst sich mit einem angenommenen Zusammenhang zwischen dem Schwierigkeitsgrad der Prüfungsarbeit und der Person des Prüfers. Er überlegt, ob der für die Prüfungsarbeit verantwortliche Lehrer vielleicht bewusst eine sehr schwere oder eine sehr leichte Prüfung erarbeitet haben könnte. Er kann eine noch tiefere Meta-Ebene betreten: Er hinterfrägt, welches Motiv der Lehrer gehabt haben könnte, eine bewusst harte "Selektionsprüfung" zu erstellen, bei der eine vorhersehbar hohe Durchfallquote entsteht? Übt er Rache an einer Schulklasse die ihm viele Nerven gekostet hat? Oder aus welchem Grund könnte er eine sehr leichte Prüfung ausgearbeitet haben? Aus Eigennutz, weil ein guter Notendurchschnitt der Schüler einen guten Eindruck auf seine Fähigkeiten als Lehrer wirft?  Der Schüler kann natürlich noch einen weiteren Schritt hinter diese Betrachtungsebene ausführen und in einer noch tieferen Ebene darüber nachgrübeln, ob die potentiellen Motive des Lehrers  u.U. sogar durch äußere Einflüsse zustande kamen, die von Dritten auf dessen Person ausgeübt wurden. Wurde der Lehrer vielleicht vom Schuldirektor in irgendeiner Form dazu angehalten, eine besonders anspruchsvolle Prüfungsarbeit zu erstellen?! Und welches Motiv wiederum könnte der Direktor haben?

Auf was ich hinaus will ist die Frage, wie und warum ein Mensch seine Perspektive wechselt und sich unter völlig anderen Gesichtspunkten mit einer Sache auseinandersetzt! Wenn ich einem Computer eine Rechenaufgabe stelle, wird er sie lösen. Bitte ich ein Kind eine Additionsaufgabe auszuführen, kann es passieren, dass das Kind den Grund der Aufgabenstellung hinterfrägtl! Es distanziert sich also vom konkreten Gegenstand einer Aufgabe und stellt diese Aufgabenstellung in einen Meta-Kontext zur Person des Fragestellers (und dessen Motiven)!

Ebenso faszinierend ist die Tatsache, dass dieser Wechsel in eine andere Ebene nicht einmal zwingend die Ausführung der ursprünglichen Aufgabe verhindert (auch wenn natürlich Ressourcen von derselben abgezogen werden). In einem gewissen Umfang ist es möglich, sowohl an der Lösung einer gegenständlichen Aufgabe zu arbeiten als auch dieselbe insgesamt in irgend einem erweiterten Zusammenhang zu hinterfragen.

 

 

ZIELE VON GEDANKEN

Der Ziel eines jeglichen Gedankens besteht darin, eine zunächst desintegrierbare Information durch Vervollständigung oder "In-Bezug-Setzung" in irgendeinen übergeordneten Kontext zu integrieren.

 

MENTALE "HILFSMITTEL": ANALOGIEN UND METAPHERN

Analogien und Metaphern sind das Mittel der Wahl, um die Natur einer Sache oder eines komplexen Zusammenhanges über den Umweg einer bildlichen, abstrakten Vorstellung zu erfassen. Sie sind auch das geeignete "Kupplungsstück" um verschiedene Operationsebenen (die etwa in Form verschiedener Verständnisfähigkeiten gegeben sein können) zu überbrücken. Ich kann bspw. einem 4jährigen Kind prinzipiell erklären, warum die Sonne scheint und warum dabei Hitze entsteht. Eine authentische Vorstellung über die Kernfusion wird das 4jährige Kind wohl kaum erlangen. Eine stark vereinfachte Analogie kann aber genügend Merkmale dieses Prozesses auf einer Ebene von reduzierter Komplexität widerspiegeln, dass das Kind im entferntesten Sinne doch irgendwie "begreift" oder zumindest erahnt, um welche grundsätzliche Art von Prozess es hierbei überhaupt geht.

 

ARTEN VON GEDANKEN

Die Integration oder Vervollständigung einer Information kann auf grundsätzlich 4 verschiedene Möglichkeiten erfolgen.

1. "Bottom up": Ich integriere etwas in einen übergeordneten Zusammenhang.

2. "Drop down" Ich isoliere etwas aus irgendwelchen Kontexten und übergeordneten Zusammenhängen heraus.

3. Simulierte Vorwärtsbewegungen auf der Zeitachse: Aus rudimentärem Wissen über die aktuelle Situation versuche ich Hypothesen über mögliche Auswirkungen unter verschiedenen Bedingungen zu "errechnen" (was passiert in 10 Jahren, wenn ich jetzt heirate, den Arbeitsplatz wechsle, einen hohen Kredit aufnehme, auswandere?!).. Die angenommenen Hypothesen werden anschließend gegeneinander aufgewogen und nach dem vermuteten Grad ihrer Wahrscheinlichkeit verworfen oder inhaltlich weiter ausgebaut.

 

4. WECHSEL DES THEMAS ODER DER VERARBEITUNGSEBENE

 Darauf sind wir weiter oben schon am Beispiel des Schülers eingegangen, der eine Prüfungsaufgabe zu bewältigen hat und parallel dazu die Prüfungssituation in erweiterte (abstrakte) Kontexte stellt.

 

 Die meisten spontanen "Probleme" (im Sinne gedanklicher Auseinandersetzungen) werden in der Art "bewältigt", dass wir sie nicht inhaltlich lösen, sondern den ganzen Verarbeitungsprozess durch Wechsel des Themas in unser Erleben integrieren. Vielmehr handelt es sich zumeist um eine weder bewusst noch willentlich vollzogene Veränderung der Gesamt-Erlebens-Prozesse! Hierzu ein kleines Beispiel: Ich sehe einen Karl-May-Western und frage mich, ob "Old Surehand" wirklich aus 30 Metern Entfernung einem Gegner die Waffe aus der Hand schießen kann. Ich habe natürlich keine Ahnung von Ballistik, verstehe auch nichts von historischen Waffen, deren Munition sowie die prinzipiellen menschlichen Möglichkeiten was Zielgenauigkeit etc. betrifft. Ich könnte jetzt darüber nachdenken wer von meinen Bekannten bei der Bundeswehr oder in einem Schützenverein ist, in dem mit großkalibrigen Waffen geschossen wird. Ich könnte im Internet nach Langwaffen des 18. Jahrhunderts oder nach historischen Personen recherchieren, die als "Revolverhelden" mehr oder weniger in die Geschichte eingegangen sind. Wahrscheinlich mache ich aber nichts von alledem oder ich greife diesen Sachverhalt viel später mal beiläufig wieder auf (wenn ich etwa zufallsbedingt einen aktiven Schützen treffe oder in einer gelangweilten Stunde im Internet surfe und mich zudem an diesen einstmaligen Gedankengang überhaupt noch erinnere). Zunächst wird sich meine Aufmerksamkeit höchstwahrscheinlich wieder auf völlig andere Dinge fokussieren! Ich habe also nicht das "Problem" an sich gelöst (also die Frage beantwortet, ob Old Surehand wirklich so gut schießen könnte), sondern ich habe vielmehr das "Problem" gelöst, mich überhaupt mit so einem Problem auseinandergesetzt zu haben. Meine Empfindung sagt mir, dass es gar nicht so wahnsinnig wichtig ist zu wissen, ob Karl May in seinem Roman eine grundsätzlich menschenmögliche Leistung beschreibt.

 Integration ist das wesentliche Ziel aller gedanklichen Anstrengung. Sie ist dann erreicht, wenn die Bedeutung einer Information aus der aktuellen Erlebens-Perspektive nicht weiter hinterfragt werden muss.

Diese Integration kann sich u.U. über einen mehrfachen Wechsel von Ebenen unter Bildung vielfacher Meta-Kontexte erstrecken. Bleiben wir bei "Old Surehand`s" Treffsicherheit: Nehmen wir an die Frage beschäftigt mich aus irgendeinem (unbewussten) Grund tatsächlich intensiver. Ich stöbere also im Internet und finde eine kurze Abhandlung über "Billy the Kid"- eine reale Person des sog. "Wilden Westens". Dieser Bericht postuliert eine phänomenale Treffsicherheit dieser Person. Ich könnte diese Aussage in Kontext zur Phantasie-Figur "Old Surehand" stellen und annehmen, Karl May hätte mit der Beschreibung dessen Schießkünsten nicht übertrieben. Ich kann aber diese Internet-Publikation ihrerseits infrage stellen und an deren Glaubwürdigkeit zweifeln. Über Napoleon oder Hitler kann man relativ leicht "objektive" Informationen erlangen. Die Popularität gewisser "Wildwest-Helden" hingegen ist mitunter die Folge einer reinen Legendenbildung! Die Frage also lautet: Wann erachte ich eine bestimmte Information als referenzwertig um eine anderweitige Information in ihrer Bedeutung zu bestätigen oder irgendwie zu integrieren und wann ist das Gegenteil der Fall? Wann ist ein Fakt ein Fakt bzw. wann erreicht er auf Gefühlsebene den Status eines Faktums? Wann "passen" Informationen zusammen und wann widersprechen sie sich? Wann "schließt" eine Information eine Lücke in einem Wahrnehmungs- oder Verarbeitungsprozess und wann bahnt sie neue kognitive Pfade und führt in andere Ebenen oder zu anderen Themen?

Bei einem Psychotiker wird nämlich genau diese Sache zu einem schlimmen Problem! Er kann Informationen nicht mehr integrieren, weil alles, was eine Information normalerweise (zumindest auf Gefühlsebene) vervollständigen oder integrieren würde oder könnte, nur einen noch weiteren und noch unübersichtlicheren Meta-Kontext erzeugt! Die Gedanken verzweigen sich, es werden immer mehr Inhalte gebildet die sich zunehmend schlechter irgendwo "logisch" oder zumindest funktional in Bezug auf das Gesamterleben "einklinken"!

 

FAZIT:

Für unsere menschlichen Denk- und Erlebensprozesse sind ständige Wechsel zwischen Themen und Ebenen bezeichnend! Ich bestaune in einem Augenblick die Größe eines Eichenbaumes und grüble über sein mögliches Alter nach (biologische Bezugsebene), im nächsten  Moment frage ich mich, wie viel Brennholz aus dem Baum zu gewinnen wäre (ökonomische Bezugsebene). Ebenso gut kann die Wahrnehmung eines Vogels den Baum spontan aus dem Bereich meiner kognitiven Auseinandersetzungen verschwinden lassen (Wechsel des Themas).

Es ist mitnichten immer unser bewusstes "ICH", welches sich für Themen, Ebenen und/oder den Wechsel zwischen denselben entscheidet! Weitaus häufiger scheint ein "ES" irgendwelche Inhalte, Wechsel zwischen Inhalten oder die Wahl einer bestimmten Betrachtungsebene vorzugeben, während das "ICH" sich anschließend in vorselektierter Weise damit befasst.

In Bezug auf konkrete Themen und innerhalb einer bestimmten Bezugs- oder Operationsebene ergeben sich für mich als wahrnehmendes Subjekt auch Empfindungen von "richtig" und "falsch". Betrachten wir letztmalig unseren vertrauten Schüler während seiner Prüfungsarbeit: Während er sich an die Lösung der Rechenaufgabe vortastet, kann er z.B. den Eindruck gewinnen, falsch zu liegen. Er errechnet eine Oberfläche von 200 Quadratmeter für einen Schrank den ein Schreiner herstellen soll und begreift intuitiv, dass kein normales Möbelstück über so eine Oberfläche verfügen kann. Er überprüft folglich seine letzten Rechenschritte. Den Wechsel von Themen und Betrachtungsebenen aber vollziehen wir zumeist nicht infolge einer "Da stimmt doch was nicht" - Empfindung! Wenn ich rückwirkend über meine letzten Erlebens-Sequenzen reflektiere, kann ich ggf. feststellen, dass es falsch war zu einem bestimmten Augenblick den Wahrnehmungsinhalt gewechselt zu haben ("Hätte ich nicht nach der Blondine im Minirock geschaut, hätte ich die rote Ampel gesehen"). Natürlich kann ich auch bewusst die Betrachtungsebene wechseln, wenn ich merke, auf einem bestimmten Weg nicht weiterzukommen ("Ich begreife nicht warum er sich so aggressiv verhält. Es kann mit mir normal nichts zu tun haben! Wahrscheinlich ist seine Freundin schuld!") Die eigentliche Ursache für diesen von abrupten themen- und ebenenwechselnden Strom des Erlebens ist aber jene, dass sich neben den allgemeinen Wahrnehmungsinhalten auch ganz insbesondere die "Ich-Position" im Gesamt-Erlebensprozess ändert und sich infolge dieser zuständlichen Änderung des ICH-Erlebens auch neue Bedeutungen ergeben! Nichts oder niemand sagt mir, dass es jetzt im Augenblick relativ "besser" oder "schlechter" sei, das Fenster zu öffnen oder einen Tee zu kochen, mich an meinen Urlaub zu erinnern oder einen Bekannten anzurufen,..! Dennoch entscheide ich mich "selbstverständlich" für irgendeine Sache, ohne aus einer Meta-Perspektive heraus zu hinterfragen, ob das richtig oder falsch ist! Ich werde nicht argumentieren: "Ich koche jetzt keinen Tee, weil ich dann das Fenster nicht (gleichzeitig) öffnen kann!" oder postulieren:" Es ist jetzt wichtiger Tee zu kochen, als das Fenster zu öffnen"!

Woraus aber resultiert der Sinn des Gesamt-Erlebens?

Was bedingt diesen unablässigen Strom von Wahrnehmung, Denken und Entscheiden?

Das wollen wir uns nachfolgend im letzten Kapitelthema der Startseite ansehen!